13. August 2018

Blick hinter die Kulissen: Die Gestalterin Jenna Gesse über "Die Morgendämmerung der Worte. Moderner Poesie-Atlas der Roma und Sinti"

„Was für ein Titel!“, dachte ich mir – und denke es bis heute. Inhaltlich war diese Publikation von Anfang an faszinierend, aber Respekt einflößend: Rund 250 Gedichte von über 100 verschiedenen Autorinnen und Autoren, aus 21 Sprachen ins Deutsche übersetzt. Ein erster umfassender „Poesie-Atlas“ von Sinti- und Roma-Lyrik.  
 
Worte und Formulierungen sind für mich der wichtigste Zugang zu meiner Arbeit – sowohl als Texterin als auch als Gestalterin. Meine Stimmung schwankte zwischen begeistert, berührt und betroffen, als ich die ersten Gedichte für meine Entwürfe erhielt: Eine sehr bildhafte Sprache, manchmal voller Lebenslust, dann wieder voller Bitterkeit und Härte. Texte zwischen purem Glück und der Erfahrung von Ausgrenzung und Verfolgung.

Gestalterisch war meine Schlussfolgerung, dass das Buch nicht zu zart werden darf und die Schriften zurückhaltend aber robust sein sollten. Die Gedichte sind in der „Franziska“ von Jakob Runge gesetzt, deren charaktervolles Schriftbild mit der Mischung von Antiqua- und Egyptienne-Formen spielt. Der blockige, massive Charakter der Überschriften ist einer schmalen Variante der „Amsi“ von Stawix Ruecha zu verdanken.

Beim Cover-Motiv entschieden wir uns für das Werk „Romani Polska“ von Damian Le Bas, der selbst von irischen Travellern abstammte und als treibende Kraft der Kunstbewegung der Sinti und Roma galt. Ende 2017 – als unser Titelentwurf bereits in der Programm-Vorschau zu sehen war – verstarb er plötzlich im Alter von 54 Jahren.
 
Sein Werk „Romani Polska“ zeigt ein Wirrwarr an Gesichtern, die er auf eine Landkarte malte. In Bezug auf unsere Gedichtsammlung illustriert es für mich die Gleichzeitigkeit der Themen. Die vielen, übergroßen Augen stehen für die verschiedenen Perspektiven der Autoren, während die roten Münder ein Sinnbild für die unterschiedlichen Stimmen und Sprachen sind. Diese Münder ziehen sich Ton in Ton über den Einband. Im Innenteil geben sie auf den Trennseiten das Signal, dass nun die Stimmen aus einem anderen Land folgen. Um welches Land es sich dabei handelt, verraten die Typo-Collagen, die ich für die Trennseiten gestaltete. Sie sind ebenfalls aus der „Amsi“ gesetzt und an die Gestaltung der Cover-Typografie angelehnt.
 

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Buch zur News:

Die Morgendämmerung der Worte

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Die Morgendämmerung der Worte
42,00 EUR
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