23. November 2017

Andreas Platthaus (FAZ) hielt eine bemerkenswerte Laudatio bei der Preisverleihung des Brüder-Grimm-Preises der Stadt Hanau an Barbara Zoeke - wir dokumentieren Sie hier

Die Preisverleihung fand am 17. November 2017 in der Stadtbibliothek Hanau statt, hier zum Bericht der Hanau-Post. Barbara Zoeke las aus ihrem nun preisgekröntem Roman "Die Stunde der Spezialisten", trug sich in das Goldene Buch der Stadt ein und durfte viele Bücher signieren. Wir danken Andreas Platthaus für seine Laudatio und die Erlaubnis, sie hier zur veröffentlichen:

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Frau Zoeke.

"Die unsichtbare Verwüstung wird in diesem zweiten Weltkrieg größer (eingreifender) sein als die sichtbaren Zerstörungen." Das schrieb ein kluger Mann 1940, jenem Jahr, in dem die Handlung von Barbara Zoekes Roman "Die Stunde der Spezialisten" einsetzt, der diese These literarisch brillant und charakterlich katastrophal bestätigt. Denn ein Großteil der klugen Männer, von denen das Buch erzählt (bei den klugen Frauen verhält es sich anders), sind ebenso charakter- wie skrupellos. "Schon lange", lesen wir da, "sind Massenmörder nicht mehr zu erkennen. Auf ihre Körperkräfte kommt es nicht mehr an, ihre Waffen sind unauffällig geworden: Atemgifte, Spritzen, Tabletten. Das menschliche Sensorium, es hat mit der Entwicklung der Chemie, der Medizin nicht Schritt gehalten. Inzwischen gehen wir lautlos zu Werke. Töten als Handwerk gut ausgebildeter Experten. Spezialisten der Krankheit, Spezialisten des Tötens."

 

Das ist eine der Stimmen in dem Roman, der heute mit dem Brüder-Grimm-Preis ausgezeichnet wird – nach dem Urteil der Jury gerade auch für die "virtuose Komposition" seines Stimmenkonzerts, das Opfer und Täter in ihren "je spezifischen Sprechweisen" hörbar werden lässt. Und damit das diese Stimmen protokollierende Buch eigentlich unlesbar machen sollte, weil die darin eben erklingende Sprache der Täter von einer Kälte und sachlichen Mordgier ist, die allem zu widersprechen scheint, was man mit unseren Ansprüchen an eine Literatur verbindet, die in der Tradition der Brüder Grimm, diesen Spätaufklärern des Mythischen, steht. Und doch kann man Barbara Zoekes Buch nicht nur, einmal begonnen, nicht wieder aus der Hand legen; sie leistet selbst mit ihrem Stoff genau das, wofür das Erzählen der Grimms steht, das ja auch ein Stimmensammeln war: Spätaufklärung, hier allerdings nicht des Mythischen, sondern des Schrecklichen.

 

"Spätaufklärung", dieser Begriff verlangt nach Erläuterung. Keinesfalls meine ich damit ein Nachholen, so wie ja auch die gängige Rede von Frühaufklärung keine Vorwegnahme des eigentlichen Denkphänomens bezeichnet, sondern die Schaffung der Bedingungen der Möglichkeit, um mit Kant zu sprechen, dem deutschen Aufklärer schlechthin. Damit bezeichnete er die dem Menschen notwendigen Voraussetzungen für das Gelingen aufklärerischen Verständnisses. Kant, ein Vertreter der optimistischen Annahme von der stetigen Verbesserung des Menschengeschlechts (der allerdings auch genau wusste, aus wie krummem Holz wir geschnitzt sind – eine Metapher, die wir ihm verdanken), Kant also hätte sich nicht träumen lassen, was seine Landsleute anderthalb Jahrhunderte später anrichten würden. Barbara Zoeke liefert nun mit ihrem Roman andere Bedingungen einer Möglichkeit: der des Scheiterns der Aufklärung. Und wenn Sie als belesenes Publikum meinen sollten, das hätten doch schon Max Horkheimer und Theodor W. Adorno just im Zweiten Weltkrieg mit ihrer "Dialektik der Aufklärung" vorweggenommen, dann übersehen Sie den Unterschied zwischen spekulativem und faktischem Wissen. Barbara Zoeke schreibt nicht mehr aus dem Stande der Unschuld heraus, während sich selbst Horkheimer und Adorno damals den Schock noch gar nicht vorstellen konnten, den das Ausmaß der deutschen Verbrechen bedeuten würde. Adornos Denken seit seiner Rückkehr nach Frankfurt ist nichts anderes gewesen als der verzweifelte Versuch, die von ihm angezweifelte Aufklärung doch wieder in Gültigkeit zu setzen: mit neuen philosophischen Operationen, die ihre wichtigsten Werkzeuge der Kunst verdanken, nämlich Musik, Theater und vor allem Literatur.

 

Barbara Zoekes Buch hätte ihn begeistert und erschreckt zugleich, so wie es jedem geht, der es liest, zumindest jedem, den ich bislang getroffen habe. Als forschende und lehrende Psychologin weiß die Autorin um die Abgründigkeit der menschlichen Natur, und sie weiß vor allem, in welche Sprache sich der moralische Absturz kleidet. In die des Euphemismus, wie ja auch das Wort "Euthanasie" selbst einer ist, zusammengesetzt aus eu und thanatos, den griechischen Wörtern für "gut" und "Tod".
Die Spezialisten gerieren sich über diese Bezeichnung als vorbildliche Menschen, so auch jener Friedel Lerbe, dessen Stimme im Roman für ihr Tun steht. Er ist der Mittler zwischen den Vordenkern und Organisatoren des planmäßigen Mordes der Euthanasie – eines hunderttausendfachen Todes, der in Wahrheit nur für einen gut sein sollte: den nationalsozialistischen Staat mit seiner Rassen- und Reinheitshybris – und denjenigen, die die schmutzige Arbeit dabei tun mussten, das Herankarren der Kranken und das Beseitigen der Leichen. Einmal bereitet dieser Friedel Lerbe eine Besprechung mit seiner Mannschaft vor, also mit den Krankenpflegern, deren Berufsbezeichnung in den Tötungszentren von Bernburg, Brandenburg, Grafeneck, Hartheim, Pirna und Hadamar, Letzteres gerade einmal 105 Kilometer von Hanau entfernt und der zentrale Mordort für die psychisch und unheilbar kranken Patienten aus Hessen, pervertiert worden ist – dort wurden keine Kranken, sondern nur das Verbrechen gepflegt –, und den Leichenbrennern, von Schreibtischtätern wie Lerbe und seinen Kollegen als "El-Be" abgekürzt, denn niemand will hier benennen, was passiert. Lerbe überlegt sich, was er bei der Besprechung sagen wird: "Ich würde von Dr. Brandt erzählen, dem schönen Doktor Brandt, groß und stattlich, mit der Aura des erfahrenen Arztes, wie er die Kranken nur leicht am Arm berührte. Zart, nicht fordernd. Das war damals im Alten Zuchthaus Brandenburg, in der Anstaltsscheune, in der mehrere Räume für den sanften Tod vorbereitet waren. Die Wände weiß gekachelt, der Fußboden schwarz-weiß ausgelegt. Alles roch frisch, alles war einladend. Himmlers zentrales Bauamt hatte den Umbau besorgt; überraschend schnell. Im Vorraum an den Wänden Haken für Jacken und Hosen. Dr. Brandt half den Männern beim Ausziehen, seinen Bewegungen folgt man gern: sehr behutsam und trotzdem sorgfältig. Schließlich war auch der Letzte nackt. Brandt ging ihnen in den Duschraum voran. Wer sich zum Stehen zu schwach fühlte, durfte sich auf eine der Holzbänke setzen; sie standen ringsum an den Wänden. Die weißen Rohre, die als Wasserleitungen getarnt waren, hatten kleine Löcher, aus denen das Kohlenmonoxyd strömen würde, sobald draußen in einem winzigen Nebenraum der Hebel zu den Gasflaschen umgelegt wurde."

 

Zwei Begriffe in dieser Passage hat Barbara Zoeke kursiv setzen lassen: "sanfter Tod" und "Duschraum". Es ist die verschleiernde Terminologie der Spezialisten, die aber bisweilen auch offen benennen, was sie tun: Auf der nächsten Seite des Romans folgt im Stimmprotokoll von Friedel Lerbe ein weiterer kursiver Begriff: "Probevergasung". Da wird nichts mehr kaschiert, das ist die nackte Wortgewalt, eine unverhüllte Brutalität, die im krassen Gegensatz steht zur Verletzlichkeit der nackten Opfer, die Barbara Zoeke im Sinne von Giorgio Agambens Beschreibung des Homo sacer gleich mehrfach erzählend beschwört – aber immer aus der Sicht jenes skrupellosen Protagonisten, dessen erster Stimmauftritt zweideutig überschrieben ist mit "Von einem, der auszog". Das meint einerseits ganz wörtlich denjenigen, der die anderen entkleidet, sie ihrer Würde und damit ihrer Menschlichkeit beraubt. Die Formulierung ist aber selbstverständlich auch, und das ist am heutigen Abend wichtig, eine Anspielung auf das berühmte Märchen der Brüder Grimm "Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen". Es hebt so an: "Ein Vater hatte zwei Söhne, davon war der älteste klug und gescheit, und wusste sich in alles wohl zu schicken. Der jüngste aber war dumm, konnte nichts begreifen und lernen, und wenn ihn die Leute sahen, sprachen sie: "Mit dem wird der Vater noch seine Last haben!" Das ist genau die Familienkonstellation von Friedel Lerbe, dessen älterer Bruder Alexander, ein Jurist, zusammen mit seiner jüdischen Frau Deutschland verlässt, während der Vater an Friedel verzweifelt. Barbara Zoeke kennt ihre Grimms; kein Wunder, ist doch in den Hausmärchen ein epochenübergreifender Schatz an Verhaltensmustern und Symbolik aufbewahrt, der für eine Psychologin von höchstem Interesse sein muss.

 

Es gibt eine zweite Grimm-Reminiszenz in "Die Stunde der Spezialisten". Da hat Friedel Lerbe gerade einen Mann zusammen mit 41 Leidensgenossen ermordet – und Lerbe ist tatsächlich der Mörder, denn er persönlich öffnet die Gashähne –, einen Mann, den er gut kannte, und nun legt er sich erstmals Rechenschaft über sein Tun ab: "Vor allem musste ich mit mir selber reden. Sollte ich Onkel Gernoth einweihen?" – ein linientreuer Mann, der den Ermordeten auch kannte, ja, mit ihm verschwägert war – "Von SS-Mann zu SS-Mann? Den Gedanken verwarf ich sofort. Streng geheime Reichssache. Zum ersten Mal war ich froh darüber. Was keiner weiß, ist nicht geschehen. Worüber wir nicht reden, ist nicht geschehen. Magisches Verhalten. Ach, wie gut, dass keiner weiß ... Ein böses deutsches Märchen." In der Tat, es ist das vom Rumpelstilzchen und noch bekannter als "Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen". Diesmal will ich das Ende zitieren, nachdem das zauberisch begabte Männlein mit dem grausamen Herzen sich um seinen Lohn betrogen sieht, als sein Name genant wird: "Das hat dir der Teufel gesagt, das hat dir der Teufel gesagt", schrie das Männlein und stieß mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde, dass es bis an den Leib hineinfuhr, dann packte es in seiner Wut den linken Fuß mit beiden Händen und riss sich selbst mitten entzwei." Von uns Lesern erwartet Barbara Zoeke, dass wir die Grimmschen Märchen ebenfalls kennen; auch Friedel Lerbe wird, nachdem sein Name in den Euthanasie-Prozessen der Besatzungszeit genannt und er deshalb angeklagt wurde, Selbstmord begehen, innerlich zerrissen wie Rumpelstilzchen.
Grund genug dazu hat er. Der Mann, den er kannte und ermordete, ist die zweite Hauptperson von Barbara Zoekes Roman, Max Koenig heißt er. Erkankt an der Huntingtonschen Krankheit, im Volksmund bekannt als Veitstanz, verliert dieser Archäologe mit Lehrstuhl in Leipzig immer mehr die Kontrolle über sich, aber er beobachtet um so genauer, was um ihn vorgeht, und als er durch einen Sturz ins Krankenhaus und damit in den Gewahrsam einer Ärzteschaft kommt, die der Vernichtung von aus ihrer Sicht "lebensunwerten" Lebens zuarbeitet, beginnt er ein Tagebuch zu führen, dass nach seiner Ermordung in den Besitz von Friedel Lerbe übergeht. Ob der es liest, wird im ganzen Roman nicht aufgedeckt, doch wenn er es getan hat, dann wird die Lektüre nicht spurlos am Mörder vorbeigegangen sein.

 

Woher ich das weiß? Weil diese Tagebucheintragungen den ersten Teil von "Die Stunde der Spezialisten" bilden. Er ist von der Autorin so überschrieben: "Mit Max Koenigs Stimme", und als diese Stimme anhebt, spricht sie sogleich eine zweite Person an: "Allein mit den Stimmen in meinem Kopf, seit letzten Freitag. Deine Stimme höre ich, gelegentlich Püppis Gezwitscher und abends, wenn das Licht gelöscht wird, immer wieder die Stimme von Gustav Clampe." Als Leser steht man zunächst ratlos vor dem Text: Ist das ein Brief an Koenigs Frau Felicitas, die immer wieder einmal im Verlauf dieses ersten Teils von ihrem Mann so direkt adressiert wird? Aber dazu passen weder der Umfang noch die allgemein reportierenden Passagen. Während der ganzen ersten Hälfte des Romans, die mit Max Koenigs Stimme erzählt wird, ist unklar, wie sie zu uns spricht; erst im dritten Teil, wie schon der zweite erzählt von Friedel Lerbes Stimme, wird zunächst ganz beiläufig Koenigs Tagebuch erwähnt, und plötzlich wissen wir, was wir da gelesen haben: ein Selbstgespräch.

 

Eines, das stattfindet im Kopf und im Tagebuch eines Mannes, der krankheitsbedingt kaum mehr selbst mit anderen sprechen kann. Barbara Zoeke betont das häufig: Frau und Freunde lesen Max Koenig von den Lippen ab, was er sagen will, die Ärzte hören nur das Gestammel eines Volksschädlings. Und weil andere für ihn sprechen und schreiben müssen, weil andere über sein Leben urteilen und sein Sterben verfügen, wird aus dem "mit Max Koenigs Stimme" erzählten ersten Teil bereits jenes Stimmenkonzert, das am Beginn erwähnt wurde. Nur, dass wir gar nicht wissen können, ob nicht auch dieses Konzert sich ganz allein im Kopf des Kranken abspielt. Denn wie hätte er denn Tagebuch führen können, wo er darin doch notiert, dass er die Briefe an seine Frau dem Mitpatienten Carl Hohein diktieren muss, weil die eigenen Finger den Dienst versagen? Womöglich ist alles imaginiert – diese Möglichkeit ist eines der Privilegien von Literatur. Warum soll nicht auch Fiktion fiktiv sein?

 

Aber wäre das in mathematischem Sinne nicht minus mal minus, unwahres Unwahres, also plus, sprich: Wahrheit? Gewiss, was sonst? Wir wissen doch, dass dieser Wahn wahr war, von dem Babara Zoeke erzählt. Die Perversion des ärztlichen Hilfsgedankens im Euthanasieprogramm der Nazis war ja eine besondere Perfidie im millionenfachen planvollen Gemetzel an Unschuldigen und Wehrlosen. Und er beschränkte sich nicht auf Ärzte, auch die Hebammen wurden ins System der Erfassung von Erbkrankheiten einbezogen, durch eine bezahlte Meldepflicht von auffälligen Neugeborenen. Der Feind an meinem Wochenbett – das hat Barbara Zoeke schon vor fast einem Jahrzehnt zum Gegenstand einer Erzählung gemacht, die Teil eines kollektiv verfassten historischen Episodenromans namens "Das steinerne Auge" geworden ist. "Tausend Jahre" heißt sie, und darin finden sich schon etliche Motive der "Stunde der Spezialisten": das Schweigen und das Protzen über den Mord, der Suizid eines der Euthanasie angeklagten Arztes in der Nachkriegszeit, der Freitod einer unheilbar Kranken. Unversehrt bleibt niemand in dieser Erzählung, die einen Satz enthält, der nicht in unserem Preisträgerroman steht, weil er für all jene gilt, die scheinbar sauber aus der schmutzigen NS-Medizin herausgekommen sind: "Unschuld kann eben auch bedeuten, dass man sich vor der Wahrheit drückt." Solche unschuldig schuldig Gewordenen gibt es in „Die Stunde der Spezialisten“ nicht oder fast nicht; alle Ärzte und das ganze medizinische Personal darin sind jedenfalls Verräter am hippokratischen Eid und an der Fürsorgepflicht für Patienten. Eine aktuelle Ahnung, was so etwas bedeutet, haben wir durch den hundertfachen Mord des Pflegers Niels H. während fünf Dienstjahren in den Krankenhäusern von Delmenhorst und Oldenburg bekommen. Aber in den nur zwei Jahren der sogenannten Aktion T4 wurden nach heutigen Schätzungen fast tausend Mal mehr Menschen ermordet und viermal so viele zwangssterilisiert. Insgesamt werden es bis Kriegsende an die 200.000 Morde gewesen sein.

 

Die Planer und Ausführende hielten sich auf diese Zahlen etwas zugute – gerade weil sie wussten, was sie taten. Es gibt eine Szene im zweiten Teil des Buchs von Barbara Zoeke, in dem sie Friedel Lerbe ins Berliner Büro von Werner Heyde führt, den wirklichen Leiter des Euthanasieprogramms – immer wieder greifen reale Akteure in diesen Roman ein. Heyde praktizierte nach dem Krieg unter falschem Namen wieder als Nervenarzt, ehe er nach mehr als zehn Jahren doch noch enttarnt und von Fritz Bauer angeklagt wurde, worauf er in Untersuchungshaft Selbstmord beging, genau wie Lerbe im Roman. Barbara Zoeke lässt jedoch auch Max Koenigs Eltern im Suizid enden, noch in der Weimarer Republik: Der Vater leidet an der gleichen unheilbaren Krankheit, die er dem Sohn vererbt hat, und seine Frau geht mit ihm in den Tod. Auch diese Tat geriert sich als Erlösung und Liebesdienst, doch sie ist selbstbestimmt, ganz anders als das Sterben des Sohnes. Aber auch die Untaten der Mediziner sind fremdbestimmt. Zoeke lässt Werner Heyde im Gespräch mit Lerbe sagen: "Sie als SS-Offizier haben dem Führer unverbrüchliche Treue geschworen. Trauen Sie sich zu, diese Treue auch in schlimmen Zeiten zu bewahren? Auch dann, wenn Opfer von Ihnen verlangt werden, die Sie sich im Moment nicht einmal vorstellen können? Auch dann, wenn diese Opfer ganz im Geheimen gebracht werden müssen? Ohne Orden und ohne öffentliche Ehrungen, sondern still und unauffällig? Sie dürfen nicht einmal damit prahlen wie die jungen Soldaten auf Heimaturlaub, wenn die Alten ihnen Schnaps spendieren, damit sie berichten. Nicht einmal ihrem Mädel dürfen Sie alles erzählen. Sie werden ziemlich allein damit sein. Sie werden Dinge tun müssen, die Ihnen nicht unbedingt passen. Aber Sie werden es für Ihr Volk tun." Das ist das ebenso qual- wie glanzvoll imaginierte medizinische Äquivalent zu Himmlers berüchtigter Posener Rede vor SS-Offizieren.

 

Barbara Zoeke gibt ihrem zweiten Romanteil den Untertitel "Chefarzt Dr. Lerbe spricht". Worum es sich dabei handelt, um sein Tagebuch, wie die Datumsangaben vermuten lassen, um einen inneren Monolog oder eine Korrespondenz – wir wissen es nicht. Lerbe ist nun aber nicht mehr allein, wir hören ihm zu. Der Roman ist eine Montage aus sorgsam recherchierten Fakten und Fiktionalisierungen, bei der die Spuren des jeweiligen Erzählungsursprungs so sorgsam verborgen sind wie in den surrealistischen Collagen von Max Ernst. Nur gelegentlich durchdringen wie schon im Falle der realen Personen Wirklichkeitssplitter die Fiktion. So etwa die Erinnerung Max Koenigs an die Pogromnacht des 9. November 1938 in Leipzig, an die Zerstörung der Synagoge in der Gottschedstraße, an die Ermordung eines jüdischen Arztes am Nordplatz. Koenig hatte sich damals vorgenommen, nie mit seiner Tochter an diesen Orten vorbeizugehen: "Wie sollte ich ihr die Ungeheuerlichkeiten hier in Deutschland erklären?" Und da haben wir doch noch ein Relikt des Satzes aus "Tausend Jahre" von der Unschuld als Drücken vor der Wahrheit. Zumal den Ungeheuerlichkeiten ja gar nicht auszuweichen ist. Ich selbst wohne in Leipzig, an Gottschedstraße und Nordplatz komme ich häufig vorbei, und auf halber Strecke vom einen Ort zum anderen passiert man das tief eingefasste Bachbett der Parthe, wo sich die jüdischen Einwohner der Stadt versammeln mussten, um auf ihre Deportation zu warten, auf den Transport zu jenen wohlorganisierten Massenmorden, zu denen die Aktion T4 eine Generalprobe gewesen war.

 

Unser Land hat zahllose solcher Erinnerungsorte, allesamt Erschreckensorte. Der französische Historiker Pierre Nora, der den Begriff der lieux de mémoire geprägt hat, versteht unter diesen Erinnerungsorten nicht nur topographische Plätze, sondern auch Memorialspeicher wie Kunstwerke oder Bücher. Barbara Zoekes "Stunde der Spezialisten" ist ein solcher Erinnerungsort, und auch er ist ein Erschreckensort. In einem anderen Roman der Autorin, "Bewegliche Labyrinthe", vor vier Jahren erschienen, beschwert sich eine nachgeborene Figur über die Reminiszenzen von Älteren an die Nazi-Zeit: "Ihr mit euren Zisternen der Erinnerung. Immer kramt ihr das Schlimmste raus. Immer habt ihr das letzte Ass, den einzigen Joker im Ärmel. Ihr mit euren Geschichten, ihr macht uns stumm." Das trifft ein psychologisches Muster nur zu genau, und wer sollte das besser wissen als Barbara Zoeke? Und doch setzt sie uns dieser Konfrontation mit der Erinnerung aus. Erst kurz vor Schluss kommt ein befreiender Zwischenruf, dann "mit der Stimme der Autorin", wie es dort heißt: Erzählt wird da auf einer halben Seite von der öffentlichen Verurteilung der Euthanasie durch den Münsteraner Bischof von Galen von der Kanzel herab im August 1941. Danach stellten die Nazis ihr Programm ein, und die letzten zwanzig Seiten der Romanhandlung berichten vom Nachkriegs-Nachspiel, vom Freitod Lerbes, vor allem aber von zwei Frauen, die das Andenken an die Ermordeten lebendig halten werden.

 

Das ist ein versöhnlicher Schluss dieses unversöhnlichen Buchs über jene ganz zu Anfang zitierte unsichtbare Verwüstung, die in der Tat größer, eingreifender war als die sichtbaren Zerstörungen des Kriegs. Der kluge Mann, der diese Verwüstung 1940 konstatiert hatte, war übrigens Martin Heidegger, und das Zitat ist einer der wenigen lichten Momente aus seinen erst kürzlich edierten "Schwarzen Heften", in denen sich die ganze Ambivalenz des Glaubens an eigene Auserwähltheit – intellektuelle wie politische – ähnlich drastisch artikuliert wie in der unvergesslich-grässlichen Stimme von Friedel Lerbe. Die Frau, die ihm die Stimme gibt, Barbara Zoeke, ist eine, die auszieht, das Fürchten zu lehren. Dafür muss man als Schriftstellerin selbst furchtlos sein. Wer ihren Roman gelesen hat, der kann mit dem Schlusssatz des Grimmschen Märchens sagen: "Ja, nun weiß ich, was Gruseln ist!" Aber wir wissen danach auch, was Not tut: Stimmen sammeln und bewahren, was zu vergessen werden droht. Und solche Bücher lesen wie „Die Stunde der Spezialisten“, veritable Zisternen der Erinnerung, die sich nie leeren. Wir schöpfen daraus, und um die eigentliche Schöpferin zu ehren sind wir hier.

Herzlichen Glückwunsch, Frau Zoeke, zum Brüder-Grimm-Preis der Stadt Hanau.

 

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Barbara Zoeke

Die Stunde der Spezialisten

In Barbara Zoekes Roman kommen Opfer und Täter eines der verdrängten Verbrechen der Nationalsozialisten zu Wort
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Die Stunde der Spezialisten
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