19. April 2017

Blick hinter die Kulissen: Die Gestalterin Susanne Bax über „Ick kieke, staune, wundre mir. Berlinerische Gedichte von 1830 bis heute“

Die Originalausgabe ist fast vergriffen! Der Extradruck erscheint am 17. Mai.

Für die Andere Bibliothek ist das eine schöne Nachricht, doch für alle, die keines mehr bekommen, tut es uns leid. Denn der Band ist eine Pracht, die Gestalterin Susanne Bax schildert uns im folgenden Text ihre Arbeit:

 

"Das Schöne an der Aufgabe, dieses Buch gestalten zu dürfen, war der Umstand, dass es hier um die Darstellung einer »Spezies« geht: dem Ur-Berliner mit seiner »Berliner Schnauze«. In einem Gespräch mit den Editoren wurde schnell klar, wie reich das Material tatsächlich ist. Es geht um nichts Geringeres, als eine Kulturgeschichte »von unten«. Der Berliner hat nie seine Stimme verloren, hat kommentiert, gespiegelt, dokumentiert – mit dem Herzen auf der Zunge. Diese »Spezies« also galt es darzustellen, eine Form zu finden, die sie repräsentiert, ihre Schnoddrigkeit aber auch ihre Ernsthaftigkeit, ihre unverwechselbare Art – eine, die widerborstig ist, kraftvoll, aber auch zum Liebhaben.

Das Kleid (die Schlaufe)
Sicher bin ich ein paar falsche Fährten gefolgt, bis ich auf den Bären stieß. Da war der Klops (aus dem titelgebenden Klopsgedicht), dessen Spuren sich irgendwann verloren, weil nicht eindeutig, zu speziell. Da war der Gedanke an die Litfaßsäule – typisch Berlin – mit Verweis auf die Vergangenheit, gleichsam Verbindung in die Gegenwart. Wie die »Berliner Schnauze« etwas, das auf der Straße wohnt.
Irgendwann war er da, der Bär – der Berliner Bär. Auf der Straße. In einem Berlin zwischen gestern und heute. Er fährt Fahrrad im Herzen von Berlin, auf dem Potsdamer Platz, und er »kiekt, staunt und wundert sich« über das, was er sieht. Das tut er laut, expressiv, wie es sich für eine Berliner Bärenschnauze gehört – in einer extra-fetten kursiven »Univers« – in einer Form, die aus einem Comic stammen könnte.

Die Haut (der Bezug)
Zugegeben – ein Glücksfall, der mir immer noch große Freude macht. Im Nachhinein habe ich den Eindruck, dass dieses Bezugsmaterial eigens für dieses Buch geschaffen wurde. Es imitiert Bärenfell – sowohl in Farbe als auch Struktur – es könnte widerborstig sein, so, wie auch die »Berliner Schnauze« manchmal schnodderig klingt. Aber es fühlt sich gut an in seiner sperrigen Wärme, auf eine besondere Art zum Liebhaben. Wir rücken allmählich näher heran an das Wesen des Bären, den wir zuvor radelnd auf dem Potsdamer Platz beobachtet haben."

 

Das Herz (der Inhalt)
Was hat sie also zu sagen, die »Berliner Schnauze«, und wie sagt sie es – in welcher Form, in welcher Schrift? Sie sollte den Lesefluss nicht »stören« aber doch »eigen« sein. Die »Fairfield« – in den 1940er-Jahren von Rudolf Ruzicka für Linotype geschnitten – erfüllt diesen Anspruch. Sie ist gut lesbar und hat dennoch einen dezenten, »dekorativen« Ausdruck, der »klingt«. Um der Seite Struktur zu verleihen und das Buch »ins Jetzt« zu holen, half es, die Autorennamen zu unterstreichen und für die Überschriften die »Avenir« einzusetzen. Sie ist kräftig genug, es mit der »Fairfield« aufzunehmen, ohne sie zu erdrückten – ganz so, wie es sich für den Umgang mit der »Berliner Schnauze« gehört."

 

Wir bedanken uns herzlich bei Susanne Bax!

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Buch zur News:

Ick kieke, staune, wundre mir

Die Literaturwerdung der »Berliner Schnauze« in der ersten dokumentarischen Anthologie.
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Ick kieke, staune, wundre mir
42,00 EUR
03.2017
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