30. Juli 2020

Literaturkritik: Afrika, in Ketten

Unter dem Titel „Antikoloniale Lektüren“ verfasste Walter Delabar eine lesenswerte Kritik zum Band „Afrika, in Ketten“ von Albert Londres :

 

„Albert Londres’ Reisereportagen über die französischen Kolonien und den französischen Strafanstalten auf dem afrikanischen Kontinent Man muss als Verleger auch Glück haben – dieses Buch kommt zum richtigen Zeitpunkt auf den deutschen Büchermarkt, nicht weil es auf eine deutsche Kolonial-Vergangenheit aufmerksam machen würde oder mit dem Finger auf die Verfehlungen der französischen Nachbarn in Afrika zeigte, sondern weil es ein Spezifikum des Umgangs mit den Kolonien aufweist: Der antikoloniale Blick ist keineswegs von der Idee der Menschenrechte geleitet, sondern von der Verwunderung darüber, dass der Kolonialismus so verschwenderisch und ineffizient mit seinen, eben auch menschlichen Ressourcen umgeht. Das alles – was heißt: die Ausbeutung der Kolonien – wäre doch viel besser und profitabler zu organisieren, wenn man‘s richtig machte. Was zwar aus den Kolonisierten keine Menschen gleichen Rechts macht, aber – als immerhin zu konstatierende Volte – zum Niedergang des Kolonialismus beiträgt. Wer einmal hinschaut, sieht nämlich nicht nur die Verschleuderung von Ressourcen, sondern auch die gleichermaßen systematische wie gedankenlose Ausbeutung der Ressource Mensch, was eben auch seine Klassifizierung als ausbeutbare Ressource miteinbezieht. Was sind da unveräußerliche Menschenrechte?

(…)

Die Lektüre der Reportage Londres‘ allerdings überbietet alles, was einem vielleicht noch aus Henri Charrières Roman Papillon (1969) und dem darauf basierenden Film, die allerdings die Verhältnisse im Gefangenenlager in Französisch-Guayana schildern, im Gedächtnis geblieben ist: absurde Haftstrafen, Erniedrigungen, grundlose und endlose Gewalt, unangemessene Strafen und Haftverlängerungen, Selbstverstümmelungen, sadistische Gefängnisaufseher, ein System, das Gewalt ausübt und züchtet. Biribi, wie der Text im französischen Original heißt, beschreibt das Gegenstück zum kolonialen Frankreich, ein Frankreich, das seine Unterwelt immer weiter ins Nichts verstößt und zum Verschwinden bringen versucht, und sich dabei immer weiter in ein Unrechtsystem verwandelt, in dem auch die bürgerliche Welt nicht unberührt bleibt. Eine Gesellschaft, die sich ein solches Strafsystem leistet, kann sich nicht zivilisiert nennen. Das sollten wir uns auch für andere Gelegenheiten merken.“

 

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Buch zur News:

Albert Londres

Afrika, in Ketten

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Afrika, in Ketten
44,00 EUR
04.2020
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