27. März 2020

"Aus den Schreibstuben dieser Tage"

Christiane Pöhlmann blickt, in ihrer „Schreibstube dieser Tage“, zurück: Auf die Arbeit an Olga Forschs Russischem Narrenschiff, das in ihrer gepriesenen Übersetzung im Dezember in der Anderen Bibliothek erschienen ist; und voraus: auf Buchvorstellungen und Lesungen, in naher oder ferner Zukunft. Mit Hölderlin und der Neuen Deutschen Welle wird uns Einblick gewährt in klangliches Übersetzen und Nachdichten:

Buchpräsentationen, Lesungen sind eine ganz andere sinnliche Erfahrung als die Lektüre eines Textes. Klang und Rhythmus der Sprache wirken direkter. Als ich zum 200. Geburtstag Iwan Turgenjews dessen Roman „Das Adelsgut“ neuübersetzte, hatte ich Musik im Ohr. Alexander Glasunows „Meditation“ gab den vollendeten Hintergrund für das 20. Kapitel, in dem der Protagonist Fjodor Lawrezki über Stille und Entschleunigung sinniert: „,Mag mich die Einförmigkeit hier ernüchtern, mag sie mich zur Ruhe bringen und lehren, dass auch ich die Dinge ohne Hast verrichte.’ Erneut lauschte er der Stille, lauschte, ohne irgendetwas zu erwarten – und erwartete gleichzeitig doch so dringend etwas. Ringsum hüllte ihn Stille ein, die Sonne wanderte gelassen über den ruhigen blauen Himmel, auch die Wolken zogen gelassen dahin; anscheinend wussten sie genau, wohin sie ziehen mussten und warum.“ Die Buchpräsentation erfolgte als musikalische Lesung …

Für die Andere Bibliothek habe ich im letzten Jahr Olga Forschs Roman „Russisches Narrenschiff“ übersetzt, einen ganz anderen Roman, schnell, stimmungsreich und spritzig, dies vor allem zu Beginn, gegen Ende aber auch zutiefst melancholisch. Er lud und lädt zu umfangreicher Beilektüre ein. Was sich dabei tat, spielte sich nicht nur in meinem Ohr ab. Mein Mann, Michael Koseler, las mit, was immer auf Deutsch greifbar war. Unsere Stimmen füllten die Räume unserer Wohnung: „Hast du gewusst, dass ...“, hieß es da oder: „Diese Passage bei Lew Lunz – die muss ins Porträt!“, bald und zur lauschenden Überprüfung der eigenen Übersetzung auch: „Was mechts sein? Mit Marmeladki? Oder mit Nusselchen?“

 

Das, was die Arbeit an diesem Text so reizvoll machte, war die Zeitklammer, die ihn umfasst. Forsch hat den Roman nur rund zehn Jahre nach den Ereignissen geschrieben, die darin geschildert werden, dem Leben im Haus der Künste zu Beginn der 1920er-Jahre. Doch was für ein Wandel! Von der Hoffnung, die auch sie mit der Oktoberrevolution verband, hin zu Zensur und Unterdrückung. Sie hatte miterleben müssen, wie Schriftsteller ermordet wurden oder den Selbstmord dem damaligen Leben vorzogen. Wie die neuen Behörden literarische Gruppen und Richtungen verboten. Diese Entwicklung verlangte ihr beim Schreiben einen besonderen Balanceakt ab. Sie wollte ihre Literatur retten und erklingen lassen, musste gleichzeitig jedoch verschlüsseln. Im Roman schwingen dadurch ungemein viele Stimmen mit, fast wie ein Hintergrundrauschen der Zeit. Dieses akustische oder garnierende Erlebnis wollten wir vermitteln. Schriftsteller und Schriftstellerinnen, auf die im Text angespielt wird, erhielten ein Porträt. Die Gedichte, von denen Forsch nur wenige Zeilen zitiert, wurden dem Roman als „lyrisches Gepäck“ beigegeben. Jede Übersetzung eines solchen Gedichts wurde in wohnungseigener Lesung abgehört. Mit gutem Grund. Die Zeilen des Gedichts, das Anna Achmatowa 1921 Alexander Blok widmet, sollten in vorläufiger Fassung lauten: „Wir brachten ihr … / Unsre Sonne, die erloschen in Pein / Brachten Alexander, den weißen Schwan.“ Beim Hören dieses reimlosen Gedichts stellte sich freilich der unbändige Wunsch nach Reim ein – und der „Schwan“ wurde für das eigene Ohr zum gerüsselten Paarhufer. Besser war es, aus der „Pein“ die „Qual“ zu machen.

 

Am 22. April soll dieser Roman im Georg Büchner Buchladen vorgestellt werden. Wie werden die ausgewählten Textstellen dann klingen? Momentan präsentieren sie sich ja jeden Tag neu ... Bei der erwähnten Stelle von Lew Lunz geht es um einen Passus aus der Erzählung „Postausgang Nr. 37“, der zur Mangelwirtschaft festhält: „Papier ist Materie und damit an sich bereits von Wert für Sowjetrussland, das eine schwere materielle Krise durchlebt“, weshalb der Mensch unverzüglich in selbige Materie zu verwandeln ist, genauer gesagt in die, die weltweit gerade die wohl begehrteste Spielart dieser Materie ist: in Klopapier.

 

Doch auch Olga Forsch vergeht irgendwann das oft heilsame Lachen. Gegen Ende finden sich immer häufiger Passagen, in denen sie einen völlig anderen Ton anstimmt. Auch sie lesen sich nun anders. An und für sich ist das keine neue Erfahrung. Neu jedoch ist das Tempo, mit dem sich der Blick ändert. Ein Beispiel? Beim Aufstand in Kronstadt findet Politik nur noch als Verkündigung statt, nicht per Engel, sondern per Anschlag an Laternen. „Wer sich der Befehlsverweigerung schuldig macht, wird mit der ganzen Strenge des Kriegsrechts zur Verantwortung gezogen. Gültig vom Moment der Aushängung“, was dann von der Erzählerin kommentiert wird: „Die Laternenpfähle mit den Anschlägen erwachten damit zu ganz eigenem Leben. Gelesen, geschnappt, angeklagt – die Worte hatten Gesetzeskraft.“

 

Und dann gibt es immer noch Überraschungen. Wer hätte bei Forsch bisher an Hölderlin gedacht? In seinem Gedicht „An die Parzen“ frohlockt er: „Doch ist mir einst das Heil’ge, das am / Herzen mir liegt, das Gedicht, gelungen“. Ist Fjodor Sologubs titelloses Gedicht von 1919, das Forsch ebenfalls zitiert, nicht geradezu eine späte Antwort? Schon allein die dritte Strophe: „Eines freilich kann er nicht mir rauben, / Weshalb von Alter und Verfall ich werd verschont: / Mein Werk, das wird nicht verstauben, / Damit ist die irdʼsche Pein entlohnt.“

 

Es rauscht immer noch viel mehr im Hintergrund, Überraschungen sind jederzeit möglich. Ob dieser Roman wirklich am 22. April in Berlin präsentiert wird, lässt sich heute nicht mit Gewissheit sagen. Derweil können wir nur auf der einstmals Neuen Deutschen Welle segeln und versichern: Es wird geschehen. Irgendwie, irgendwo, irgendwann. Und ganz bestimmt mit neuen Überraschungen.

– Christiane Pöhlmann

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Buch zur News:

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Russisches Narrenschiff

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Russisches Narrenschiff
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