25. März 2020

"Aus den Schreibstuben dieser Tage"

Mit Heiner Boehnckes Brieffund hat unsere Reihe »Aus den Schreibstuben dieser Tage« begonnen. Heute schreibt uns Christoph Sehl von seinem Zwiegespräch mit den Heiligen Drei Königen. Sein Buch erscheint im Herbst in der Anderen Bibliothek:

»...auf der Straße unten wird es Tag für Tag ruhiger... zuerst war da kein Unterschied vorhanden... wir sitzen hier in der Wohnung, die drei Könige und ich... unterhalten uns, es ist ganz nett... aber die Situation hat sich verändert... nicht nur wir haben uns dazu entschieden, abgeschieden zu sein... allmählich kommt es mir vor wie ein Zwang... es hätte als eine Art Koinzidenz erscheinen können, diese allgemeine Isolation und das selbstgewählte Schreib-Exil... doch es ist etwas anderes, wenn man die Wahl hat oder das Gefühl, von außen dazu gedrängt zu sein... die Könige werden nervös, werden zickig... ich auch mit ihnen... sollen sie doch zurückkehren in ihr Land!... vorher will ich aber noch ihre Geschichte schreiben... und ich frage mich, wo ich anfangen soll... ich könnte natürlich erzählen, wie sie aussehen, was sie anhaben... Melchior der älteste unter ihnen ist wirklich ein Greis mit grauem Haar, reichlich langen Bart- und Haupthaaren, trägt eine purpurrote Tunika und einem kurzen grünen Mantel, seine Schuhe sind ebenso purpurrot mit weißlicher Farbe durchwirkt, auf dem Kopf hat er eine bunte Mütze mit einem nach hinten fallenden Zipfel... Caspar, kein Bart und rote Haare, ziemlich jung, hat eine grüne Tunika und darüber einen roten kurzen Mantel an, seine Schuhe sind rot, purpurrot... der dritte, Balthasar, hat dunkle Haare, eine rote Tunika und einen weißlichen, kurzen Mantel und grünliche Schuhe... ihre Kleider sind sämtlich aus Seide (nach Pseudo-Beda)... ziemlich schick, wirkt alles etwas aufgemotzt, wenig locker, als wollten sie sagen: hey, wir sind exotisch... aber sie weigern sich zu sagen, woher sie eigentlich kommen... deuten nur gelegentlich mit einem Finger in diese eine Richtung, wortlos ohne nähere Erklärung... ja ja, sage ich, hab ich gelesen, ab oriente, anatole, Morgenland... dann grinsen sie mich an, als wüßten sie es selber nicht... überhaupt bin ich manchmal von ihrer Intelligenz nicht überzeugt... aber das muss ich auch nicht, denke ich... im Grunde sind sie so, dass sie mir zu verstehen geben, ich solle doch denken, was ich will... sie sitzen immer oben in der Sofaecke, ich geh gelegentlich runter, schreiben... manchmal komme ich hoch, dann schauen sie mich erwartungsvoll an... ich erzähle ihnen, was ich so geschrieben habe... meistens nicken sie, sagen kein Wort oder schütteln den Kopf, schauen dann stumm in irgendeine Ecke, jeder in eine andere... einmal bin ich hoch gekommen und da waren sie nicht mehr dieselben, einer von ihnen war ein Schwarzer... ein andermal waren es plötzlich zwölf und wie ich die Treppe soweit nach oben gestiegen bin, dass ich sie sehen konnten, haben sie alle laut gelacht... ich will nicht sagen, dass sie mich ausgelacht haben, aber es war nahe dran... zu überlegen, sie einfach rauszuschmeißen ist doof, weil ich nicht weiß, wohin sie gehen sollen, obwohl ich den Eindruck habe, es wäre ihnen egal... ich fühle mich für sie verantwortlich und damit stehe ich ganz allein... und ihre Gleichgültigkeit macht mich verlegen... ich erschrecke jedesmal, wenn sich einer von ihnen zu mir nach unten verirrt... er setzt sich meistens in den grünen Sessel neben mir... schweigt erst und fängt dann an, irgendeine Geschichte von sich zu geben... aber keine Geschichte passt zur anderen, sie widersprechen sich sogar... Caspar kam einmal und sagte, er wäre verheiratet gewesen, was ich kaum glauben kann, so jung wie er ist... das wäre noch vor ihrer Reise gewesen... sie, seine Frau und er, hätte ein Kind bekommen, das gleich nach der Geburt gestorben wäre... da hätte er gewußt, dass irgendetwas passiert sei und gleich darauf wäre ihnen, ihm und den anderen Königen, dieser Stern erschienen - er macht mit der Hand eine Geste nach oben... mir ist nicht klar, ob er in die obere Etage deutet, in den Himmel zu den Sternen oder in das Reich der Toten... er gibt das alles recht trocken von sich, als hätten zweitausend Jahre jeden Grund für gefühlsmäßige Beteiligung weggewischt... ich frage ihn nach dem anderen Kind, dem Neugeborenen in Bethlehem... er schaut aus dem Fenster, sagt gar nichts, ist nicht einmal traurig, keine Regung... und ich merke, dass das Erschreckende an ihnen, den Heiligen Drei Königen, ihre Emotionslosigkeit ist... etwas Kühles, ja Kaltes umgibt sie... Melchior, auch in dem grünen Sessel sitzend, meinte, es wäre sinnlos darüber nachzudenken, was die Dinge bedeuten... man könnte da auf vieles kommen... damals wäre für sie wichtig gewesen, einer Bedeutung nachzugehen... es hätte aber auch eine andere sein können... er zog sich einen seiner Schuhe aus und ist mit dem Finger den Linien der weißen Ornamente nachgefahren, dann schaut er mich an und sagt, diese eine Sache wäre viel zu überbewertet... ich frage, wie sie denn auf diese eine Sache, diese eine Bedeutung gekommen wären... er zieht den Schuh wieder an und zuckt mit den Schultern... aber ich weiß, dass er es weiß und es macht mich wahnsinnig, dass er das nicht sagen möchte, weil es ihm nicht wichtig ist... ja, das ist es, sie nehmen mich nicht Ernst... mag sein, dass es belanglos für sie ist, was ich da wissen möchte und inzwischen frage ich mich, warum es ihnen belanglos ist... vielleicht ist es das, was mir als kalt erscheint an ihnen, dieser Mangel an Interesse, auch und vor allem meinem Interesse gegenüber... plötzlich sagt er, es gäbe da die Geschichte, ich würde sie ja kennen, sie seien aus dem Paradies, dem irdischen Paradies gekommen... sie, die Geschichte, wäre ganz hübsch und er würde sie mögen... er selbst hätte aber keine Ahnung, was das sei, dieses irdische Paradies... er würde sich auch fragen, ob es noch ein anderes gäbe... auf alle Fälle, sie wären dort nicht hergekommen und sie wären auch nicht die, die dort die ewigen Wahrheiten verwalten würden, auch wenn das einige sagen... überhaupt, würde er bezweifeln, dass es so ein Paradies gäbe und gäbe es diesen Ort, an dem ewige Wahrheiten verwaltet würden, würde er sich ernsthaft fragen, ob es das Paradies sei... dann lacht er, als hätte er einen guten Witz gemacht, steht auf und verschwindet nach oben... meine Beziehung zum Humor erscheint mir etwas ausgedünnt, auch wenn ich das mit den Wahrheiten nie für bare Münze genommen habe... vielleicht bin ich zu ernsthaft... ...oh, jetzt habe ich nur davon geschrieben, wie es bei mir zuhause so zugeht... eingesperrt mit einem Haufen desinteressierter Wahnsinniger... und inzwischen ist mir klar geworden, dass ich nicht einmal mehr flüchten kann... ‚Coronavirus! I‘m telling you is getting real...‘ (Cardi B)...‘«

– Christoph Sehl

zurück

Buch zur News:

Christoph Sehl

Die Heiligen Drei Könige

Aus einem einzigen Satz in der Weihnachtsgeschichte des Matthäusevangeliums ist über Jahrhunderte hinweg eine Überlieferung geword ...
Mehr
Die Heiligen Drei Könige
44,00 EUR
11.2020
1 x 'Die Heiligen Drei Könige' bestellen Warenkorb