17. Februar 2020

Blick hinter die Kulissen: Die Gestalter 2xGoldstein über die Gestaltung von BERLIN von Ernst Dronke

Der Riß, welcher durch alle unsere gesellschaftlichen Verhältnisse geht und nicht mehr wie früher die Kasten und Stände bloß untereinander, sondern in sich selbst und mit ihrem innersten Leben trennt, ist unleugbar. […] Die Bewegungen auf diesem Gebiete [bezeugen] den Vorabend einer großen gesellschaftlichen Krisis […].

So Ernst Dronkes Lagebeschreibung im August 1846 im Vorwort zu BERLIN, zwei Jahre vor der Märzrevolution, in der sich die gesellschaftliche Krise entlud. Zwei Jahre die Dronke nach Erscheinen des Buches wegen Majestätsbeleidigung im Gefängnis verbrachte. Die Zensurbehörde hatte Dronkes Kritik an Staat und Hegemonie verboten. In umfangreichen Recherchen hatte er das Spannungsverhältnis zweier Extreme – Proletariat und Hegemonie – deutlich belegt.
Dieses asymmetrische Anerkennungsverhältnis bildete den Ausgangspunkt der gestalterischen Überlegungen. So bestimmen Gegensätze in Material, Form und Farbe den Einband. Grobes Leinen als Überzug bildet haptisch einen Gegensatz zu dem feinen, eingeklebten Mattpapier-Schildchen. Der Ausschnitt eines farbigen Gemäldes, das zwei Angehörige der Aristokratie zeigt, steht der monochrom gedruckten Zeichnung einer armen Berliner Schuhmacherfamilie entgegen. Die Malerei überdeckt und führt die Zeichnung an geeigneter Stelle weiter, um so nicht nur haptisch, sondern auch visuell die fundamentalen gesellschaftlichen Unterschiede zwischen Proletariat und Staat zu verdeutlichen. Gleich dem Dronke-Text wird so auch dem Proletariat ein Gesicht gegeben.
Farblich bilden zudem die in preußisch Blau gedruckte Zeichnung und der in revolutionärem Rot gedruckte Titel einen Gegensatz.
Die Titelei des Buches BERLIN ist in einer serifenbetonten Linear-Antiqua (Egyptienne) gesetzt. Diese Schriftart wird Anfang des 19. Jahrhunderts als Kontrast zur klassischen Antiqua-Schrift entwickelt. Die hier vorliegende Egyptienne wurde aus der Compacta Light eigens für die Publikation entwickelt und kommt auch im Innensatz als Kapitelüberschrift zum Einsatz.
Der Einstieg in die Kapitel erfolgt über ein eingefärbtes Bild, einer großen Kapitelnummerierung, einem gestürzten Titel und einer schmalen Textspalte. Eine große Initiale führt in den Text ein. Der Fließtext ist in der JAF Lapture gesetzt, eine Antiqua-Schrift mit Anleihen an gebrochene Schriften, wodurch auf typografischer Ebene sehr gut die damalige Zeit wiederspiegelt wird. Die Schrift hat zudem ein kräftiges, dunkles Schriftbild mit einer ausgeprägten Zeilenbildung.
Seitenaufriss und Layout orientieren sich mit einer Linienbegrenzung an Zeitungen der damaligen Zeit.
Dronkes Text wird im Innenteil von 96 historischen Aufnahmen, Portraits, Stadtansichten und Karikaturen aus der Vormärz-Publizistik ergänzt. Die Bilder weisen alle eine Rahmung auf, die ähnlich den Umschlagsabbildungen, in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen. So überschneiden die Bilder an den bestimmten Stellen den Schmuckrahmen und erzeugen ein Spannungsfeld aus Grenze und Überschreitung.

Dronkes Beobachtungen der sozialen Verwerfung im Preußischen Staat und darüber hinaus sind nicht nur von historischer Bedeutung, sondern zeugen gerade heute von erstaunlicher Aktualität. So stellt die Gestaltung eines solchen Werks eine besondere Aufgabe dar, die weit über die Erfüllung der gestalterischen Pflichten hinausgeht.

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Buch zur News:

Ernst Dronke

BERLIN

Berlin ist eine frühsozialistische, gründlich vergessene und höchst anschauliche Reportage.
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BERLIN
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