12. Juli 2019

Der Streit um Deutsche Stilkunst geht weiter:
Tonio Walter, der die „Kleine Stilkunde für Juristen“ (C.H. Beck Verlag) geschrieben hat, geht in seiner Einleitung auf Eduard Engel, den Autor der Deutschen Stilkunst, und Ludwig Reiners ein, der Autor des gleichnamigen Buchs zur Stilkritik deutscher Sprache ist, das als Plagiat gilt. Walter adressiert auch den „Stilkunst“-Forscher Stefan Stirnemann, der u.a. Altphilologe, Übersetzer und Kritiker der Rechtschreibreform ist. 
 

In seinem neusten Beitrag kontert Stirnemann: er verstehe die Verteidigung von Reiners durch Walter, und argumentiert weiter überzeugend für Engel, denn dieser sei „ein Könner von Rang, der es wert ist, gelesen zu werden“.


Die ‹Deutsche Stilkunst› im Zwielicht des ‹Dritten Reiches›: Tonio Walters Blick auf Eduard Engel und Ludwig Reiners

von Stefan Stirnemann


Tonio Walter, Professor für Strafrecht und Strafprozeßrecht in Regensburg, hat eine ‹Kleine Stilkunde für Juristen› verfaßt, die zurzeit in dritter, ‹gründlich überarbeiteter› Auflage vorliegt. Walter verbindet seine Sachkunde mit Gespür für Sprache und gibt seine Quellen sorgfältig an, so daß man den Spuren nachgehen kann und auf eigene Wege kommt. Der Leser lernt etwas; mit diesem Buch könnte bereits am Gymnasium gearbeitet werden. In der Einleitung geht Walter auf Eduard Engel und Ludwig Reiners und mich ein; bevor ich meinerseits auf seine Sicht der Dinge eingehe, schicke ich zur Einführung etwas voraus.
Vor neun Jahren habe ich in dieser Zeitschrift einen Aufsatz veröffentlichen können, der in gekürzter Form in der NZZ am Sonntag erschienen war: «Ich habe gemacht ein feines Geschäft» – Ein Wort über Ludwig Reiners, den Klassiker der Stilkunst. Es ging mir damals und geht mir heute um Eduard Engel, der seiner jüdischen Herkunft wegen im sogenannten Dritten Reich geächtet war, dessen ‹Deutsche Stilkunst› nicht mehr verkauft werden durfte und den ich für den eigentlichen Klassiker halte. Ludwig Reiners hat 1943 (Jahr des copyrights) eine eigene ‹Deutsche Stilkunst› herausgebracht, die heute noch, unter dem verkürzten Titel ‹Stilkunst›, im Gebrauch ist. Reiners erinnert mich an den falschen Prinzen in Wilhelm Hauffs Märchen, den Schneider, der im Gewand eines Königssohnes auftritt und mit Ansprüchen, denen er im Kern nicht gerecht werden kann. Er hatte einen Doktortitel in Rechts- und Staatswissenschaft, war von Beruf Kaufmann und mit Sprachen und Literaturen nicht eigentlich vertraut; deswegen hat er Eduard Engels ‹Deutsche Stilkunst›und weitere Werke von ihm und anderen als Vorlage verwendet. Dazu kommt, daß sein Buch erstmals im nationalsozialistischen Verbrecherstaat erschienen ist; Ludwig Reiners war seit 1933 Mitglied der NSDAP. In Frage stehen also sein Umgang mit dem geistigen Eigentum anderer und seine politische Haltung.
Willy Sanders hat 1988 an einigen Beispielen gezeigt, wie Reiners von Eduard Engel abhängt, und mit gebotener Vorsicht geurteilt: «Doch auch aufgrund der hier vorgetragenen (durchaus provisorischen) Beobachtungen scheint es so, als ob Reiners in der anonymen Ausbeutung seines renommierten Vorgängers nicht gerade ein Engel gewesen wäre.» Ich habe in umfangreichen Untersuchungen diese anonyme Ausbeutung erhärtet und habe Übereinstimmung in Hunderten von Fällen festgestellt. Heidi Reuschel hat für ihre Bamberger Dissertation (2014) einige Kapitel mit Plagiatssoftware durchsucht und ist, gestützt auf zuverlässige Ergebnisse und umsichtige Deutungen, zum selben Schluß gekommen. Unterdessen hatte Christian Döring den literarischen Spürsinn und unternehmerischen Mut, Eduard Engels Werk in ‹Die Andere Bibliothek› aufzunehmen; ich habe das Vorwort geschrieben.


Weiterlesen unter: Stirnemann Artikel zu Tonio Walters 07_2019.pdf

zurück

Buch zur News:

Eduard Engel

Deutsche Stilkunst

Die Andere Bibliothek bevorzugt das Original - wir überlassen anderen die Kopie.
Mehr
Deutsche Stilkunst
78,00 EUR
07.2016
1 x 'Deutsche Stilkunst' bestellen Warenkorb