30. August 2018

Blick hinter die Kulissen: Die Buchgestalterin Carolin Rauen über den rumänischen Klassiker "Verlorener Morgen" von Gabriela Adameşteanu

Soeben ist der Roman "Verlorener Morgen" erschienen, erstmals von Eva Ruth Wemme ins Deutsche übersetzt. Gabriela Adameşteanu erzählt darin die Geschichte ihres Landes anhand der Erlebnisse von Menschen aus allen Gesellschaftsschichten. Carolin Rauen hat den Band gestaltet und schildert im folgenden Text ihre Herangehensweise und Gedanken:

 

Rumänien – Süd-Ost-Europa, Schwarzes Meer, Karpaten, Bukarest, Donau, feudale Architektur, Boulevards, Ceausescu, Landwirtschaft, EU, Arbeitsmigration. Dann lange nichts.

„Verlorener Morgen“ sei die „Geschichte eines ganzen Landes“, heißt es in der Ankündigung, ein Land, das kein klassisches Reiseland ist, das hier und da in den Nachrichten auf- und meist schnell wieder abtaucht, das im historischen Kontext präsenter ist als im aktuellen. Ein Land, über das ich viel zu wenig weiß, wie ich ernüchtert feststelle. Und so vertiefe ich mich in Chronologien und Fakten des zwanzigsten Jahrhunderts, entdecke Bezüge zu meiner eigenen Geschichte und fange an zu verstehen.

Vor meinem inneren Auge werden die Farben blasser, der Himmel wolkenverhangener, die Häuser rußgeschwärzter und das Leid größer. Ein dunkles Grau mit nur wenigen Schattierungen dominiert alle Motive. Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Repression, Schwere. Fast ein Jahrhundert lang.

Dann wende ich mich dem Manuskript zu, lasse mich einnehmen von den kontrastierenden Charakteren voller Eigenheiten, die auf verschlungenen Wegen miteinander verbunden sind, lausche ihren Dialogen in unterschiedlichsten Sprachfärbungen – und stelle unmittelbar fest: Hier herrschen Stolz statt Resignation, Diversität statt Anpassung, Aufbäumen statt Aufgeben. Die Figuren sind stark – vor allem die Frauen. Sie bestimmen ihr Leben, auch wenn dieses es objektiv gesehen oft nicht gut mit ihnen meint.

Die rumänische Flagge in Form von drei kraftvoll und pastos aufgetragenen Farbstreifen verbildlicht diese Stärke. Sie überdeckt die graue Realität, sie steht im Vordergrund. Das Hintergrundmotiv zeigt eine Straßenszene in Bukarest während des Ersten Weltkriegs, neben den 1980er Jahren der zentrale Zeitraum des Romans.

Die zeitliche Verordnung wird von den Kapitelauftaktseiten im Innenteil aufgegriffen, auf denen sich die Jahreszahlen aus einer unbestimmten Wand herausschälen.
Die Schrift Arnhem ist klassisch erzählerisch, sie führt den Leser in die verschiedenen Welten und Zeiten und beginnt damit bereits auf der Buchschlaufe.
Rotes Papier für Vor- und Nachsatz rufen Kraft, Stolz und Stärke erneut ins Gedächtnis, nachdem der graue Einband in seiner zweifarbigen Leinenstruktur haptisch und visuell die Rauheit der Tage vermittelt.

Rumänien ist mir vertrauter geworden. Noch immer erscheint mir beim Gedanken daran kein klares Bild, sondern eine vielschichtige Komposition verschiedenster Stimmen und Geschichten. Vielleicht wird Rumänien doch mein nächstes Reiseland.

Vielen herzlichen Dank an Katja Jaeger für den Austausch, ihren Einfallsreichtum, ihre Geduld und ihre Liebe zum Detail.

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Buch zur News:

Gabriela Adameşteanu

Verlorener Morgen

Unbekannte Romankunst aus Rumänien
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Verlorener Morgen
42,00 EUR
08.2018
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