23. Juli 2018

"EINE UNGLAUBLICHE MYSTIFIKATION - Das Leben des Essad Bey" – Ein Ausschnitt aus dem Nachwort zu "Öl und Blut im Orient" von Sebastian Januszewski

Essad Bey war zu seiner Zeit ein weltbekannter Orientexperte und faszinierend-schillernder Bestsellerautor. In seinem "autobiografischen" Bericht "Öl und Blut im Orient“ (Band 402) erzählt er von seiner Kindheit in Baku und von seiner abenteuerlichen Flucht vor der russischen Revolution quer durch den Orient bis nach Istanbul. Sebastian Januszewski gibt uns in seinem ausführlichen Nachwort einen Einblick in das Leben Essad Beys, hier ein Ausschnitt daraus:


„Im Wesentlichen zwei Aspekte waren es, die bei Erscheinen des Debüts »Öl und Blut im Orient« des jungen Journalisten Essad Bey einen handfesten Skandal hervorriefen. Zum einen fühlten sich die im Buch beschriebenen Nationen und Völker auf das schlimmste verunglimpft, zum anderen nahmen die Behörden des Deutschen Reiches Anstoß an den Schilderungen der Einnahme Bakus im Jahre 1918. Hier wurde behauptet, dass deutsche Offiziere die türkische Armee maßgeblich bei der Eroberung Bakus unterstützten und obendrein noch die anschließenden Massaker durch die türkische Armee an der armenischen Bevölkerung wenn nicht bewilligten, so doch zumindest stillschweigend billigten.

 

»Öl und Blut im Orient« erschien im Dezember 1929 bei der angesehenen Deutschen Verlagsanstalt, Stuttgart, und bereits am 17. Dezember des Jahres wurde in drei großen deutschen Zeitungen (Berlin, Hamburg, München), somit quasi flächendeckend, eine Gegendarstellung des Oberstleutnant a. D. Ernst Paraquin veröffentlicht, der damals selbst bei der Okkupation Bakus als Teil der türkischen Truppen anwesend war. Deutschland war Verbündeter des Osmanischen Reiches und stellte den türkischen Truppen ein gewisses Kontingent an erfahrenen Offizieren zur Verfügung. Über die mögliche Einflussnahme der Offiziere auf die Handhabe der Osmanen herrscht allerdings bis heute Unstimmigkeit. Fakt ist, dass Paraquin zugegen war, und Kreß von Kressenstein, wie im Buch behauptet wird, nicht. Fakt ist auch, dass Paraquin bei Nuri Pascha (Befehlshaber der Osmanen) intervenierte, um »die Greuel zu verhindern«, und ihm dieser Versuch die Abkommandierung einbrachte. Fakt ist aber auch, dass Paraquin Stabschef der türkischen Armee war und somit höchstwahrscheinlich eng eingebunden in die Entscheidungen der Heeresleitung. Es ist also nicht völlig ausgeschlossen, dass Paraquin beratend tätig war bei der Einnahme Bakus. Ebenso ist aus heutiger Sicht die Armenien-Resolution des Deutschen Bundestags vom Juni 2016 zu zitieren, in der es heißt: »Das Deutsche Reich trägt eine Mitschuld an den Ereignissen.«

 

Was aber waren die Vorwürfe von Seiten der Kaukasus-Völker? Die Beschreibungen seiner kaukasischen Heimat seien »geeignet, die Gefühle zahlreicher orientalischer Nationen erheblich zu verletzen«, und weiter heißt es: »durch die Entstellungen und Verleumdungen« sei »das Ansehender kaukasischen Völker erheblich herabgesetzt.« Essad Beys Ausführungen haben »den Charakter der schmutzigsten Agitation, und die darin enthaltenen Angaben sind von Anfang bis Ende erlogen.« In Deutschland lebende Vertreter Aserbaidschans, Georgiens, Persiens und Turkestans gehörten zu den Unterzeichnern. Auch diese Darstellung erschien in mehreren Zeitungen. Darüber hinaus wiesen islamische Verbände, so das Islam-Institut, Berlin, in Briefen an das Auswärtige Amt im Februar 1930 darauf hin, dass der deutsche Leser vor solchen literarischen Betrügereien geschützt werden muss. Sicherlich der größte Motor in der Kampagne gegen das Buch Essad Beys bildete die wöchentlich erscheinende »Berliner Tribüne«. Am 11. Januar 1930 war der Aufmacher des Blattes »Unerhörte Verleumdung Deutschlands durch einen russischen Hochstapler«, und weiter im Untertitel: »Öl und Blut im Orient unter der Lupe! Was sagen Staatspolizei und Auswärtiges Amt dazu?« Im Text heißt es, es sei »unglaublich, dass ein in Deutschland lediglich geduldeter Ausländer unter schwerster Verletzung des Gastrechts über sein Gastland schimpfliche Schauermärchen in der Welt verbreitet und dass sich eine bisher hochangesehene deutsche Verlagsanstalt dazu hergegeben hat, den, der sadistischen Phantasie dieses armen Irren entsprungenen, Schund zu drucken und zu verbreiten!« In den darauf folgenden zwei Wochen schrieb der Aserbaidschaner Hilal Munschi, Mitunterzeichner der obigen Petition, im selben Organ einen Enthüllungsartikel, der den Autor Essad Bey als Schwindler entlarvte. In dem autobiographisch angelegten Buch Öl und Blut im Orient wird suggeriert, dass der Protagonist schon seit Geburt Moslem ist und in Baku geboren wurde. Hier wusste Munschi anderes zu berichten: Essad Bey hieß eigentlich Leo Noussimbaum, war jüdischer Abstammung und wurde nicht in Baku, sondern in Kiew geboren. Allein diese Tatsachen genügten Munschi, dem Verfasser von Öl und Blut jegliche Berechtigung zum Schreiben eines solchen Buches über den Kaukasus abzusprechen.

 

Aufgrund dieser und weiterer ähnlicher Artikel und der schriftlichen Beschwerden sah sich mittlerweile auch das Auswärtige Amt genötigt, etwas zu unternehmen. Bei der Polizei wurden Erkundigungen eingeholt und schließlich der Autor selbst am 20. März 1930 vorgeladen. Das Gespräch zwischen Legationsrat Dr. Ziemke und Essad Bey schien nicht ganz so erregt zu verlaufen wie die erhitzte Debatte vorher in den Zeitungen. Essad Bey lenkte sofort ein, selbst bei Punkten, die den historischen Tatsachen widersprechen, und versprach, die entsprechenden Stellen in der noch verbliebenen Auflage zu schwärzen. Damit war die Sache für Ziemke erledigt, und den islamischen Verbänden wurde geantwortet, dass in Deutschland Pressefreiheit herrsche, sie somit eine Gegendarstellung ebenfalls veröffentlichen könnten.
(…)
Das Buch wurde von vielen Seiten angegriffen, aber die ablehnenden und zustimmenden Rezensionen hielten sich die Waage. Wichtige Zeitungen lobten es gar, wie zum Beispiel die »Berliner Börsen-Zeitung«: »Das Buch Essad Beys ist jedenfalls eines der fesselndsten, die man heute lesen kann.« Auch der Schutzverband Deutscher Schriftsteller (SDS) stellte sich hinter den Autor, und zu der Vorladung ins Auswärtige Amt konnte Essad Bey ein Gutachten Walter von Molos, damaliger Präsident der Sektion Dichtung der Preußischen Akademie der Künste, mitnehmen, in dem sich Molo aus literarischer Sicht für das Buch einsetzte.

 

Der Aufruhr in den Medien diente sicherlich der Ankurbelung des Buchverkaufs, die Bekanntheit des Autors stieg. Essad Bey ließ sich durch die zum Teil sehr rigiden Anschuldigungen, Unterstellungen und Vorwürfe, die in ihren Extremen bereits ins Rassistische abdrifteten, nicht aus seinem schriftstellerischen Gleichgewicht bringen. Bereits 1930 veröffentlichte er sein nächstes Buch »Zwölf Geheimnisse im Kaukasus«. Darin findet sich im Vorwort eine ironische Replik auf die Angriffe, denen er sich bei Erscheinen seines Debüts ausgesetzt fand: »Böswilligen Kritikern gegenüber eine Bemerkung: Daß es im Kaukasus Krankenhäuser und höhere Mädchenschulen gibt, ist auch dem Verfasser aus eigener Anschauung bekannt. Dinge jedoch, die in ein Konversationslexikon gehören, findet man nicht in einem Buche, das keinesfalls mit dem schweren Kaliber der Gelehrtengeschütze verwechselt werden will.«
 

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Buch zur News:

Essad Bey

Öl und Blut im Orient

Eines der Hauptwerke des "Orientalisten" Lew Nussimbaum alias Essad Bey
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Öl und Blut im Orient
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