11. Juli 2018

Ein Fest des Buches im Zeichen des Goldnen Esels - ein Veranstaltungsbericht aus St. Gallen von Stefan Stirnemann

Keller der Buchhandlung zur Rose, St. Gallen
Dienstag, 26. Juni 2018, 19:30 Uhr

Fußballweltmeisterschaft, was ist das? In der St. Galler Buchhandlung zur Rose, Schweizer Buchhandlung des Jahres 2017, fanden sich rund 85 Gäste ein, um sich den Jubiläumsband der Anderen Bibliothek vorstellen zu lassen, «Metamorphosen oder Der Goldne Esel» des römischen Dichters, Redners und Philosophen Apuleius. Eingeladen hatten die drei Buchhändlerinnen Leonie Schwendimann, Alexandra Elias-Zurflüh und Isabelle Husistein, und vorstellen sollten den prächtigen Band die Magister Lux, Vox und Mutus. Die Auftritte der Magister haben in der Ostschweiz eine gewisse Bekanntheit; entsandt werden sie jeweils vom Magisterium Maximum, der obersten Erziehungsbehörde des Universums, die ihren Sitz hoch oben im Weltall hat, gleich links von der Ewigkeit und dicht beim Humor. Unvergessen ist, wie die Magister an drei musikalisch-literarischen Abenden bewiesen haben, daß Roms Imperium von den Appenzellern gegründet worden ist, und seither steht die Vermutung im Raum, daß auch Johann Sebastian Bach eigentlich Appenzeller war.

Rudolf Lutz, Magister Lux («das Licht»), hatte u.a. an der Schola cantorum Basiliensis den Lehrstuhl für Improvisation inne und leitet seit über zehn Jahren Chor und Orchester der J.S. Bach-Stiftung, St. Gallen, die das ganze Vokalwerk Bachs aufführt. Ein Rezensent nannte seine Einspielung der h-Moll-Messe «wahrscheinlich die beste Aufnahme eines Vokalwerkes von Bach, die je gemacht wurde, und zweifeslohne die beeindruckendste Aufnahme der h-Moll-Messe». Matthias Flückiger, Magister Vox («die Stimme»), ist Schauspieler und Regisseur. Flückiger hat eine besondere Gabe, mit jungen Leuten zu arbeiten, und eines seiner eigenen Glanzlichter ist sein Theaterspiel mit Patrick Süskinds Kontrabaß. Stefan Stirnemann, Magister Mutus («der Stumme», der dauernd spricht), hat das Vorwort zum Goldnen Esel geschrieben und August Rodes Übersetzung durchgesehen.

Das Publikum war wohltuend vielfältig zusammengesetzt. Eine junge Lehrerin der Kantonsschule Trogen hatte die umständliche Anreise gleich mit acht Schülern auf sich genommen, ein Student der Universität St. Gallen war zur ersten Lesung seines Lebens gekommen, ein Mathematiklehrer in den ersten Berufsjahren wollte seinen lateinischen Horizont nachschärfen. Es war Leseerfahrung und eine Aufmerksamkeit im Raum, die anderthalb Stunden wach blieb. Die Veranstaltung wurde vom Sprachkreis Deutsch (SKD) großzügig gefördert, und das St. Galler Tagblatt hatte wohlwollend auf sie aufmerksam gemacht, unter dem treffenden Titel «Als Esel lernt man die Welt besser kennen». Das las ein Weinhändler, rief sogleich Leonie Schwendimann an und sagte, er habe einen besonderen Weißwein im Angebot, der mit einem Esel etikettiert sei. So gab es nach der Lesung im fröhlichen Gedränge Eselwein zu trinken, dazu Brot, Käse und Salami und, von Buchhändlerin Alexandra gebacken, Kekse mit Rosen-Pesto und Sablés mit Rosengelee und Rosenwasserguß und kandierten Rosenblättern; die Rosenblätter für Pesto und zum Kandieren kamen aus Alexandras Garten.

Die drei Magister stellten das Buch in ungewöhnlicher Form vor, nämlich in einer Folge von Szenen, und das Publikum durfte keineswegs einfach dasitzen, sondern mußte mitdenken, mitspielen und mitsingen und vor allem sich mitfreuen. Die Ziele wurden sämtlich erreicht, und am Abend selber und den folgenden Tagen wurden an die vierzig Esel verkauft, einige Käufer kauften gleich doppelt – einmal für sich, einmal zum Verschenken.
Die Titel der sieben Szenen, die alle zu Kernthemen des Buches und der Anderen Bibliothek führten: Anfang, Märchen, Wirklichkeiten, Komet, Fußball, Tourismus, Mysterium.
Vor der Buchhandlung empfing das Jubiläumsplakat der Anderen Bibliothek die Besucher. Die starke hellbraune Tür des Hauses zur Rose war weit offen, und steil führten die Treppenstufen ins geheimnisvolle Kellergewölbe hinab, zum Ort der Vorstellung. Zwei Büchertische standen in warmem Kerzenlicht, einer war der AB überhaupt gewidmet, einer trug Stapel von Eseln. Leonie Schwendimann begrüßte als Gastgeberin und stellte die Buchreihe und den Jubiläumsband und die Magister vor. Und dann begann das Desaster: Magister Vox ließ alle auf sich warten. Verschlafen? Und als Magister Mutus, mit verschränkten Armen sichtlich ungeduldig, nichtsdestotrotz anfangen wollte, erwischte er das falsche Manuskript und kündigte «Lebenshilfe aus der Buchhandlung» an: «Wie überbrückt man die Zeit zwischen zwei Fußballspielen?» Magister Lux überbrückte seinerseits das Suchen des richtigen Textes, indem er zu musikalischen Themen improvisierte, die in der Folge eine Rolle spielten: zu Papagenos Vogelfänger, Sarastros «In diesen heilgen Hallen» und zum Schlager über Rosamunde, die ihr Herz schenken und nicht erst die Mama fragen soll. Was Mozart mit Apuleius zu tun habe, wurde das Publikum gefragt und die Antwort aufgeschoben.
Als Magister Mutus mit dem richtigen Anfang anfangen konnte, brach mit lautem Iah Magister Vox in den Keller ein. Er hatte beim vorbereitenden Lesen des Buches, wie es sich für den Schauspieler und Rezitator gehört, starken Anteil genommen und zwar so starken, daß er sich in einen Esel verwandelte; immerhin traf es sich, daß der Auftritt in der Buchhandlung zur Rose stattfand, denn wo, wenn nicht hier, sollten Rosen zu finden sein? «Her mit Rosen, Rosen her!» war das Gebrüll des Magister Vox. Im Roman war der Jüngling Lucius in einen Esel verwandelt worden, und zur Rückverwandlung mußte der Esel Lucius Rosen fressen.
Nun wurden die sieben Szenen zu sieben Versuchen, die Eselsohren loszuwerden. Der Rosenstrauß im Kellergewölbe war «zum Verzehr nicht geeignet», wie es auf einem Beipackzettel hieß. Das Zauberwort Mutábor aus Wilhelm Hauffs Kalif Storch half nichts, und auch daß Magister Mutus schließlich die Rosen ersetzte und Magister Vox ein Tellerchen Broccoli zu essen gab, war verlorene Mühe. Warum Broccoli? Die jungen englischen Adligen waren auf ihrer Bildungsreise, der Grand Tour, auch an den Golf von Neapel gekommen, aber auch reisende St. Galler Benediktiner waren dort gewesen, und einer hat im Tagebuch die ursprüngliche Form des bekannten Sprichworts heimgebracht: «Broccoli essen, Neapel sehen und sterben». Warum Golf von Neapel? Auch Mozart war dort, als Kind mit seinem Vater Leopold, und wahrscheinlich hat er unter vielen Sehenswürdigkeiten auch den Isis-Tempel der Stadt Pompeji gesehen, der kurz zuvor ausgegraben worden war. Der Tempel hatte in ganz Europa das Interesse für Isis und die Weisheit Ägyptens belebt, und in diesem großen Zusammenhang muß man auch Mozarts Zauberflöte sehen. Eine der wenigen Quellen für den Isiskult ist Apuleius mit seinem Roman, und zu einigem, was in der Oper gesungen wird, ist eigentlich Apuleius der Librettist.
Das Publikum versuchte die Rückverwandlung zu unterstützen und sang für den eselsohrigen Magister Goethes Lied «Sah ein Knab ein Röslein stehn»; der Übersetzer August Rode war ja Goethes Zeitgenosse gewesen. Mit Vox zusammen sang es, den Schlager «Rosamunde, schenk mir dein Herz und sag ja». Das Schicksal sagte nein, die Ohren blieben umfangreich und grau. Später wurde, angeleitet von Magister Lux, Luthers Choral «Ach Gott, vom Himmel sieh darein» und der Gesang der Geharnischten aus der Zauberflöte gesungen. Warum, kann im Vorwort des Jubiläumsbandes nachgelesen werden.
In der Szene «Komet» berichtete Magister Mutus über den Meteoriten von Nördlingen und die Andere Bibliothek, die mit Christian Dörings Amtsantritt als Verleger neue Lebenskraft erhalten hat, und zeigte zum goldenen Band vierhundert auch den blauen ersten Band.
Der Begründer der Reihe, Hans Magnus Enzensberger, war vor einem Monat als Gast der Bachstiftung zu zwei Auftritten in der Schweiz gewesen, von seiner Frau Katharina begleitet. Magister Mutus faßte die Wirkung des Dichters in einige Adjektive, die zugleich die ganze Buchreihe treffen: neugierig im besten Sinne des Wortes, gedankenvoll, gedankenscharf, sommerlich leicht. Magister Lux erhielt den Auftrag, diese Adjektive aus dem Stegreif zu Musik zu machen; es entstand ein kunstvoll improvisiertes Jubiläumsstück (hier eine kurze Videoaufnahme).
In einem weiteren Anlauf, den Esel abzulegen, versuchte Magister Vox den Roman «Der Name der Rose» zu essen, Taschenbuchausgabe, von Leonie Schwendimann geholt und mit Gewürzstreuer serviert. Die Idee mit Umberto Eccos Buch hatte Katharina Enzensberger beigesteuert, umsonst, als ihr Magister Mutus vom Abend erzählte. Wer wissen möchte, ob und wie Magister Vox wieder Mensch wurde, hätte in der Rose dabei sein müssen.

Zum Schluß noch ein Hinweis auf Intertextualität, auf lebendige Bezüge zwischen schönen Texten. Drei Tage nach der denkwürdigen Buchvorstellung führte die Bachstiftung Bachs Bauernkantate auf (Cantate burlesque, «Mer hahn en neue Oberkeet», BWV 212). Da das eine weltliche Kantate ist, die in ländlicher Umgebung spielt, wurde die Aufführung aus der Kirche der Appenzeller Gemeinde Trogen ins Gasthaus auf dem Gipfel des Chäserrugg verlegt; das Haus ist von den Architekten Herzog & de Meuron gebaut worden. Vor dem schlanken Gebäude, hoch über dem Walensee, in wechselndem Wolkendunst und Sonnenschein, fand die Werkeinführung statt, die jeweils zu den Kantatenkonzerten der Bachstiftung gehört. Schon diese Einführungen allein würden den Besuch lohnen. Rudolf Lutz, nun nicht mehr Magister Lux (oder nur von ferne), erklärte dem Publikum auch den Text, z.B. das mundartliche Verb «dahlen», das laut Wörterbuch der Brüder Grimm etwas wie «verliebt tändeln», lateinisch «jocari, nugari» bedeutet. Der Sopran Sibylla Rubens und der Bass Dominik Wörner zeigten als junge Bäuerin und Bauer in der Einführung auch darstellerisch «wie schön ein bißchen Dahlen schmeckt». Die Bäuerin hat zu singen: «Ich kenn dich schon, du Bärenhäuter, du willst hernach nur immer weiter.» Jetzt faßte Rudolf Lutz, an Apuleius und August Rode geschult, die Kernaussage zusammen, indem er das «Dahlen» mit «Zimmern» fortsetzte. Woher das? Zurück in den Keller zur Rose: Magister Mutus zitierte, um doch noch die Fußballweltmeisterschaft zu Ehren zu ziehen, eine Schlagzeile: «Toni Kroos rettet Deutschland gegen Schweden» und führte aus einem Bericht an: «Kroos zimmerte den Ball in allerletzter Sekunde in die rechte Ecke des schwedischen Tores.» Das Publikum sollte sich das auffällige Verb merken, denn nun las Magister Vox die Novelle «Der Liebhaber im Faß» vor, die der Esel Lucius im Roman hört und den Lesern weitererzählt und die Boccaccio, der Vater der Novelle und der Enkel des Apuleius, in sein Decamerone eingefügt hat. «Zimmern, bezimmern» bedeutet das Ausüben einer kraftvollen Tätigkeit. Am Punkt der Schamlosigkeit angelangt, den Apuleius und August Rode erreichen wollten, gab Magister Mutus Magister Lux den Auftrag, über das Verb zimmern zu improvisieren. Wer das nicht gehört hat, hat etwas verpaßt. Hoch oben auf dem Chäserrugg wurde das Verb nur von den Eingeweihten verstanden; es waren einige auf dem Berggipfel, die auch im Kellergewölbe gewesen waren. Was bedeutet denn eingeweiht? In der Lage sein, schöne und unterhaltsame Zusammenhänge zu verstehen.

Auf dem Liedblatt des Abends im Kellergewölbe zur Rose stand als Titel: «Das schönste Buch der schönsten Buchreihe in der schönsten Buchhandlung.» Das will richtig verstanden werden. Es sind keine absoluten Superlative; gemeint ist mit rhetorischer Klangwirkung, daß ein besonders ansehnliches Buch einer eigentümlichen und erfolgreichen Reihe in einer charaktervollen Buchhandlung vorgestellt wurde.
 
Es wird heute mit Grund darüber geklagt, daß immer weniger Bücher gekauft und gelesen würden. Nach dem Klagen läßt sich aber etwas tun. Buchhändler, die mit Überzeugung bei der Sache sind und über die Öffnungszeiten hinausdenken, erreichen ihr Publikum mit Büchern, die etwas kosten, weil sie etwas wert sind.

Das Magisterium Maximum stellt fest, daß auf glatten Bildschirmen zu viele Bilder geglotzt, daß zu wenig eigene Bilder geschaut werden, die man nur im guten Wort bekommt. Unverdrossen schickt es deshalb seine Magister aus, mit dem Auftrag, die Menschen zu wecken, die vor ihren kleinen Monitoren hindämmern, und sie sehen zu machen. Wir lesen und verwandeln uns. Und wenn wir Esel werden, finden wir den Weg zurück.
Es warten noch viele Feste des Buches darauf, gefeiert zu werden. Die Andere Bibliothek gibt jeden Monat einen Anstoß dazu.

(Das Copyright der unten verwendeten Fotos liegt bei Antonio Conza, bei Foto Nr. 3 liegt es bei Stefan Stirnemann)

 

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