26. Oktober 2017

Blick hinter die Kulissen: Der Gestalter Fabian Michael über "Sister Carrie" von Theodore Dreiser

Theodore Dreiser erzählt in seinem epochalen Roman von einem gesellschaftlichen Aufstieg: Das "country girl" Carrie Meeber wird zum Broadway-Star Carrie Madenda. Susann Urban hat ihn erstmals aus der Urfassung übersetzt, Ilija Trojanow mit einem Nachwort versehen. Fabian Michael wiederum hat ihn exzellent ausgestattet, er schildert uns den Gestaltungsprozess:

Die Handlung des Romans spielt um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in den Vereinigten Staaten von Amerika; also in einer Epoche, welche einerseits von enormen technologischen Fortschritten geprägt war, andererseits von sozialen Umbrüchen und natürlich auch vom "American Dream": Dem Glauben, dass jeder Mensch seines Glückes Schmied sei und es bis ganz nach oben schaffen kann. Carries Geschichte beginnt somit auch recht archetypisch und erzählt von einer jungen Frau, die sich vom Land in die große Stadt aufmacht, um dort ihren Traum zu verwirklichen. Allerdings glorifiziert Theodore Dreiser dieses Szenario nicht, sondern konfrontiert den Lesenden mit der rauen Wirklichkeit jener Zeit; unter Anderem indem er die Ausbeutung von Arbeiter*innen in Fabriken und die wirtschaftliche Abhängigkeit der Frauen von ihren Ehemännern in einer patriarchal geprägten Gesellschaft aufzeigt. "Sister Carrie" ist in meinen Augen somit nicht bloß die Geschichte einer jungen Frau, sondern ein Werk welches nicht nur beiläufig einen Teil des Zeitgeistes jener Epoche aufgreift und darstellt.

Wie setzt man als Gestalter so etwas am besten in Szene? Den Ansatz, Carrie und Hurstwood (ihren Begleiter) zusammen zu zeigen verwarf ich sehr schnell. Zum Einen existieren bereits frühere Buchausgaben und die Verfilmung, welche die beiden Hauptcharaktere des Buches zusammen als Liebespaar auf dem Cover zeigen, darüber hinaus erschien es mir nicht angemessen. Schließlich beinhaltet der Roman eine deutlich vielschichtigere und tiefgründigere Handlung, als nur die einer blasphemischen Liebesgeschichte.

Auf Basis dieser Recherchen und Gedanken arbeitete ich zunächst drei Ideen für das Buchcover aus, allesamt mit verschiedenen Ansätzen. Durchgesetzt hat sich am Ende der Entwurf, welcher Carrie auf der Bühne zeigt, wobei der Betrachter sich hinter ihr positioniert. Der Roman beschreibt augenscheinlich die Geschichte von "Sister Carrie", doch die genaue Interpretation wie Carrie aussieht und in welcher Stimmung sie sich in der dargestellten Szene befindet wollte ich gerne offen lassen und gleichzeitig durch das Cover-Motiv nicht zu viel vom Inhalt vorwegnehmen. Es zeigt eine Szene, welche gegen Ende der Geschichte denkbar wäre, die sich aber bewusst auf kein konkretes Kapitel des Romans beruft. Die Gesichter des Publikums im Hintergrund waren in frühen Entwürfen noch angedeutet, in der endgültigen Fassung wurden sie aber entfernt um auch hier den Interpretationsspielraum des Betrachtenden nicht einzuschränken. Dies empfinde ich auch vor dem Hintergrund wichtig, dass die Rezeption einer derartigen Geschichte in der heutigen Zeit eine ganz andere ist, als zur Erstveröffentlichung im Jahr 1900.
Der Buchtitel als gezeichneter Lettering-Schriftzug soll zusätzlich unterstreichen, dass es sich um die persönliche Geschichte von Carrie handelt. Die Farbgebung, welche primär auf Blau- und Rottöne setzt, wählte ich aufgrund der Assoziationen zu den USA und dem "American Dream".

Dieses Farbkonzept führt sich auch im Innenteil weiter fort; die primäre Textfarbe ist ein dunkles Marineblau, welches dem Buch einen außergewöhnlichen Charakter verleiht und dabei dezent und dunkel genug ist, um Lesefluss und Kontrast nicht zu beeinträchtigen. Kapitelanfänge sind hingegen in einem dominanteren Rotton gestaltet, um auch innerhalb des Buches eine gute Orientierung zwischen den Kapiteln bieten zu können. Vor- und Nachsatz sowie Titelei und Impressum sind ebenfalls komplett im selben Rotton gedruckt, um sich vom eigentlichen Inhalt abzugrenzen. Insgesamt sticht der Innenteil durch klare und deutliche Farbkontraste sowie eine strenge farbliche Gliederung hervor.
Als Schriftfamilie kommt im gesamten Buch die "Lyon Text" von Commercial Type zum Einsatz. Durch die Vielzahl an verfügbaren Schnitten und eine zusätzliche, schön verspielte Display-Variante bot sie hervorragende Möglichkeiten, die Typografie entsprechend meinen Vorstellungen zu inszenieren.
Es erscheint zunächst immer reizvoll, bei einem historischen Roman eine Schriftart zu verwenden, welche zur Zeit der Handlung entstanden ist. Andererseits erscheinen heutzutage viele großartige Schriftfamilien, welche gestalterische Ideen aus der Vergangenheit aufgreifen und diese mit modernen Erkenntnissen der Schriftgestaltung im Hinblick auf Lesbarkeit, Ästhetik, Technologie und Druckverfahren kombinieren. Die 2009 erschienene Lyon kombiniert dabei einen historischen Bezug zur Arbeit von Robert Granjon (16. Jahrhundert) mit einem sowohl zeitgemäßen, als auch eleganten Erscheinungsbild. Dabei bleibt sie dennoch so klassisch, dass sie sich aus meiner Sicht hervorragend für "Sister Carrie" eignet. Die schön verspielten kursiven Varianten der Lyon Display kommen effektvoll für Kapitelanfänge und Titelei zum Einsatz.

Zusätzlich gestalte ich Illustrationen, welche auf Handlungsorte und Situationen des Buches anspielen. Das Vorsatzpapier zeigt die Illustration eines fahrenden Zuges, das Nachsatzpapier die Skyline von New York City kurz nach der Jahrhundertwende. In letzter Minute fertigte ich noch eine dritte Illustration an, welche eine Straßenszene in Chicago darstellt, da es schade gewesen wäre diesen für die erzählte Geschichte wichtigen Ort auszulassen. Auch bei den Illustrationen entschied ich mich dafür, ebenso wie beim Cover etwas Abstand zum eigentlichen Buchinhalt zu bewahren und eher ein Gefühl und einen stimmigen Eindruck der Handlungsorte zur damaligen Zeit zu zeigen.
Die gezeichneten und an monochrome Druckgrafik erinnernden Illustrationen schaffen durch ihren Inhalt und Strich aus meiner Sicht einen guten Spagat zwischen Distanz zum Buchinhalt und der Vermittlung einer passenden Stimmung, ohne dabei beliebig zu wirken.

Die Wahl des Papiers fiel vor allem aus ergonomischen Gründen auf das leicht creme-farbige "Munken Lynx", welches vor allem bei längerem Lesen etwas angenehmer ist, als ein hochweißes Papier. Im Fall von "Sister Carrie" ist dies besonders wichtig, da der Inhalt des Buches sehr umfangreich ist und zum "Weglesen" mehrerer Kapitel am Stück einlädt. Besonders spannend und herausfordernd gestaltete sich die Wahl des Einband-Materials. Nach der Bestellung und Sichtung zahlreicher Muster und ebenso zahlreicher Diskussionen zwischen der Anderen Bibliothek und mir einigten wir uns schließlich auf einen bläulich schimmernden Leineneinband. Waren anfangs noch dunklere und schlichtere Materialien im Gespräch, so brauchte es doch letztendlich etwas, um die ansonsten sehr dunkle und strenge Farbgestaltung etwas aufzubrechen. Vor allem im Bücherregal bleibt somit bei dieser besonderen Ausgabe von "Sister Carrie" der Glanz des Schauspiels und des American Dream durch den schimmernden Buchrücken sichtbar.
 

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Buch zur News:

Theodore Dreiser

Sister Carrie

Die erste weibliche Erfolgsstory der Literaturgeschichte.
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Sister Carrie
42,00 EUR
09.2017
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