28. August 2017

Blick hinter die Kulissen an Goethes Geburtstag: Die Gestalterin Sandra Doeller über »Monsieur Göthé. Goethes unbekannter Großvater«

Heute jährt sich der Geburtstag von Johann Wolfgang von Goethe, er wurde am 28. August 1749 in Frankfurt am Main geboren. Wer mehr über die väterliche Seite seiner Familie erfahren möchte, dem sei „Monsieur Göthé. Goethes unbekannter Großvater“ (Band 391) sehr empfohlen.
Friedrich Georg Göthé, 1657 als Sohn eines Hufschmieds geboren, war elegant, mehrsprachig, gebildet und reich. Ohne ihn hätte die Karriere des berühmten Enkels kaum stattgefunden, doch er verbannte den »verdammten Schneider« und Hotelier, aus der Familiengeschichte. Ein weißer Fleck im Stammbaum – bis heute. Das Autorentrio Heiner Boehncke, Hans Sarkowicz und Joachim Seng erzählt eine außergewöhnliche Erfolgsgeschichte und beschreibt zugleich ein Stück Kultur- und Sozialgeschichte.

Sandra Doeller hat »Monsieur Göthé« »wunderschön« (Ev Schmidt, rbb kulturradio) gestaltet und erläutert uns im folgenden Text ihre Überlegungen:

 

Meine Arbeit an dem Band begann bei einem kurzweiligen Treffen mit einem der drei Autoren von »Monsieur Göthé«. Es stellte sich als glücklicher Umstand heraus, dass wir in und um Frankfurt leben und arbeiten. So hatte ich die Gelegenheit, die Konzeption nicht nur auf Basis eines Manuskripts, sondern bereichert durch den Austausch mit den Autoren Heiner Boehncke, Hans Sarkowicz und Joachim Seng zu entwickeln – einem geistreichen wie lebendigen Trio, mit dem mir die Zusammenarbeit große Freude bereitet hat.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, ein Buch über Friedrich Georg Göthé, den »vergessenen« Großvater Goethes, sei eine trockene Angelegenheit. Beim ersten Gespräch zeigte sich schnell: das Gegenteil ist der Fall. Herr Boehncke zeichnete in seinen Ausführungen einen schillernden Charakter mit einer ungewöhnlichen Lebensgeschichte: den neugierigen und eigenwilligen Sohn eines Hufschmieds, der sich entscheidet, seinen eigenen Weg zu gehen. Statt der Familientradition zu folgen, begab er sich als Wandergeselle nach Lyon, um das Schneiderhandwerk zu erlernen. Durch eine Heirat und seine Arbeit als Schneidermeister erreichte der Aufsteiger in Frankfurt großen Wohlstand. In den Schriften seines Enkels fand er trotzdem – oder gerade deshalb – kaum Beachtung.

Im Nachgang zu diesem Gespräch beschäftigten mich insbesondere zwei Aspekte: zum einen imponierte mir der Mut Göthés, entgegen der Familientradition auf Wanderschaft zu gehen und gemäß der eigenen Neigungen einen standesfremden Beruf zu erlernen – wohlgemerkt im 17. Jahrhundert. Zum anderen erschien mir die Figur durch die »Verdunkelung« seitens Goethe und infolgedessen der Goethe - Forschung geheimnisvoll. Auf visueller Ebene kamen zwei weitere interessante Dinge hinzu: Göthés Unterschrift, die seine ungewöhnliche Schreibweise dokumentiert und ein Fundus an Stichen rund um das Schneiderhandwerk.

In den ersten Entwürfen spielte ich verschiedene Akzente durch: mal stand die Schreibweise des Namens im Vordergrund, mal Zeichnungen von typischen Werkzeugen, ein anderes Mal Schnittmuster, Nadel und Faden oder ein Stadtplan von Lyon. Dabei habe ich Schlaufe und Bezug jeweils als Paar entworfen – quasi als Doppelcover, das sich in Motiv und Farbigkeit ergänzt. Schnell waren zwei Favoriten gefunden: Ein Entwurf zeigte ein vollflächiges, nur ansatzweise zu erahnendes Portrait Goethes in dunklen Blautönen, das in Verbindung mit dem Titel »Monsieur Göthé« als diffuses Bild des Großvaters gelesen werden kann. Der andere basierte auf einem verschlungenen Faden, der ausgestanzt sein sollte, um das leuchtende Rot des Bezugs durchschimmern zu lassen. Beide Ideen sollten nun in der zweiten Runde in einem Entwurf kombiniert werden. So wählte ich ein Portrait im Profil und zeichnete das Konterfei mit dem ausgestanzten Faden lose nach. Da das Motiv so schon recht komplex wurde, setzte ich die Typografie auf ein dezentes Siegeletikett, das auf der Vorderseite der Schlaufe beginnt und sich über die Kante auf der Rückseite fortsetzt. So bleibt auch hier der Blick auf das Motiv frei, ebenfalls das Profil – hier allerdings gespiegelt, so dass der Eindruck entsteht, man würde die Person beim Wenden des Buches von der anderen Seite sehen.
Soweit, so gut. Es wäre eine naheliegende Entscheidung gewesen, den Bezug des Buches einfarbig rot anzulegen. Doch das schien mir zu undifferenziert. Während die Schlaufe in der Ästhetik eine Brücke in die heutige Zeit schlägt, sollte der Bezug als Gegenpol eine Verbindung zum 17. Jahrhundert herstellen. Als Motiv diente ein Stich eines Schneidermeisters, als Strategie auch hier ein Spiel mit Verfremdung: Statt der gesamten Szene sind nur die Garderobe und die Werkzeuge des Schneidermeisters sichtbar. Das Motiv ist dreifarbig dargestellt und erzeugt so leicht flimmernd einen deutlichen Kontrast zu der eher dumpf anmutenden Schlaufe. Die Oberfläche des Papiers ist strukturgeprägt und weist so eine stoffähnliche Haptik auf.

Als rund ein halbes Jahr später das Manuskript eintraf, zeigte sich, dass die Innengestaltung doch umfassender werden würde als zuerst angenommen. Der Text enthielt Einschübe aus externen Quellen, zahlreiche Fußnoten und diverses Bildmaterial verschiedenster Art. Dieser Umstand war ein großes Glück, denn so konnte ich ein System entwickeln, das die Lebendigkeit der Erzählung auf verschiedene Ebenen der optischen Erscheinung überträgt.

So setzt sich das leuchtende Rot des Bezugs als Akzentfarbe im Inneren fort, insbesondere als vollflächiger Fond der Bildseiten. Die Abbildungen selbst erscheinen der Vereinheitlichung halber monochrom in Bordeaux, kombiniert mit einigen eindrucksvollen vierfarbigen Abbildungen von Gemälden und Modezeichnungen der Zeit. Die durch den Farbfond auffälligen Bildseiten strukturieren das mit 480 Seiten recht umfangreiche Werk und beziehen sich gleichzeitig auf den selbstbewussten und eigenwilligen Charakter Göthés, der durch großzügige Kapitel-Trennseiten und die farblich hervorgehobenen, in Versalien gesetzten Titel weiter unterstrichen wird.

Für eine optimale Darstellung der Bilder hatten die Herstellungsleiterin Katrin Jacobsen und ich uns für ein etwas weißeres Papier entschieden. Der Text erscheint passend zu den anderen Elementen in Bordeaux, was den Kontrast im Vergleich mit Schwarz zugunsten der Lesefreundlichkeit leicht zurücknimmt. Gesetzt ist der gesamte Band in der Schrift »Rosart« von Camelot Typefaces, die an Schriften des frühen 18. Jahrhunderts angelehnt und sehr gut ausgebaut ist. Der Text der Autoren ist im Blocksatz gesetzt, Passagen aus externen Quellen im linksbündigen Flattersatz, kursiv.

In letzter Minute offenbarte sich die Fertigung der Schlaufe als größere produktionstechnische Herausforderung. Ich freue mich sehr, dass die filigrane Stanzung trotz der Unwägbarkeiten und Dank des Know-Hows von Frau Jaeger – die die Herstellungsleitung kürzlich übernahm – und der Memminger Druckwerke realisiert werden konnte.

(Foto Sandra Doeller © Privat)

 

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