19. Juli 2017

Ein Interview zum Abschied: Katrin Jacobsen erzählt über ihre Tätigkeit als Herstellungsleiterin der Anderen Bibliothek (hier zur Laudatio von Christian Döring)

Wie viele Jahre warst du Herstellungsleiterin der AB, und wie viele Bücher hast du betreut?

Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, hat meine Arbeit für Die Andere Bibliothek mit der Produktion der Kometen-Bände im Frühsommer 2014 begonnen. Das sind diese hübschen farbigen Klappenbroschuren mit einer offenen Fadenheftung, Rundum-Farbschnitt, Ausstanzung auf dem Vorderdeckel und eingeklebten Lesebändchen. Dann kamen die Foliobände dazu und im März 2015 erschien mein erster richtiger AB-Band – Band Nummer 363, Michael Glawoggers „69 Hotelzimmer“. Für meinen letzten Band, Nummer 398, „Deutsche Grenzen“ von Burkhard Müller und Thomas Steinfeld, habe ich noch Bernd Kuchenbeiser mit der Gestaltung beauftragt, allerdings erscheint das Buch erst im Februar 2018. Also insgesamt sind es 36 Originalausgaben, 5 Foliobände, ca. 20 Extradrucke und Kometen. Da ist ganz schön was zusammen gekommen.

 

Was waren die größten Herausforderungen, im Positiven wie im Negativen?

Das allerschwierigste Buch meines bisherigen Herstellerlebens war der Folioband „Tausend und ein Tag – Morgenländische Erzählungen“. Ein großformatiger, in 6 Sonder-und Leuchtfarben bedruckter Leinenband mit 120 aufklappbaren Farbtafeln im Buch verteilt, 1092 Seiten Umfang und alles im bedruckten Schuber. Es war der helle Wahnsinn. Ohne unseren Drucker Herrn Kurz vom Memminger MedienCentrum hätte ich das nicht geschafft. Es gab so viele Details in der Fertigung, die man zu beachten hatte. Allein der Schuber durfte bei gefühlten 10 kg nicht auseinanderfallen. Die Falttafeln sollten ganz bestimmte Formate für die buchbinderische Verarbeitung haben und so weiter… Und als wir dann kurz vor der Buchmesse feststellen mussten, dass in jedem dritten Buch die eine oder andere der 120 Falttafeln beim Buchblockschneiden ab- oder abgeschnitten wurde, war Land unter. Alle 8000 Bücher mussten zurück zum Buchbinder transportiert werden. Dort wurde jedes Buch Seite für Seite geprüft und die defekten per Hand repariert. Ein einziger Wahnsinn. Aber an Weihnachten haben wir das Buch sehr gut verkauft und niemand hat was gemerkt. Mit diesem Buch habe ich meinen Meister gefunden.

 

Hast du durch die Arbeit in der AB bzw. die Zusammenarbeit mit den Gestalterinnen und Gestaltern noch etwas Neues kennengelernt?

Die Arbeit mit den vielen unterschiedlichen Gestalterinnen und Gestaltern hat mir mit die größte Freude bereitet. Für jedes Buch den passenden Gestalter zu finden ist eine tolle Aufgabe. Bis ein Layout so richtig sitzt, gehen die Skizzen und Entwürfe hin und her, man diskutiert und verwirft auch mal die eine oder andere Idee. Aber dann wird es rund und das Buch sieht genauso aus, wie man es sich gewünscht hat. Es soll ja auch ein Buch für die Andere Bibliothek werden, da nimmt man sich schon was vor. Immer wieder neue Ideen für die Typografie, unterschiedliche Stile in der Illustration und dieses Vergnügen bei der Auswahl der Bezugsmaterialien. Das war einfach fantastisch und macht so viel Spaß. So feuert jeder Band sein ganz eigenes Feuerwerk ab.

 

Gibt es einen Unterschied zur Arbeit als Herstellerin in anderen Verlagen? Was zeichnet die Arbeit hier aus, in Bezug auf Gestaltung und Produktion der Bücher?

In den meisten Verlagen trennt man die Abteilungen in Herstellung und Marketing auf. Das Marketing ist für die Covergestaltung zuständig und die Herstellung für die Typografie im Buch und natürlich für Druck und Bindung. Bei der Anderen Bibliothek ist das nicht der Fall. Die komplette Gestaltung, sowohl innen als auch außen, liegt in einer Hand. So sehen die Bücher auch aus einem Guss aus. Das macht die Reihe so besonders.

 

Was hat dir am meisten Spaß gemacht an deiner Arbeit?

Toll war, dass ich keinerlei Vorgaben hatte. Ich durfte mit all den Gestaltern und Illustratoren zusammenarbeiten, die mir persönlich am besten gefallen, die ich schon von meiner Arbeit bei der Büchergilde her kannte oder die ich neu kennengelernt habe. So konnte ich der AB 36 Bände lang meinen ganz persönlichen Geschmack mitgeben. Meine Nachfolgerin wird sicher wieder ganz andere Gestalter mitbringen und neue Leute beauftragen. Dann werden die Bücher wieder eine ganz andere Note bekommen. Und das ist ja auch das Schöne daran. Die stete Erfindung neuer Kleider für diese tolle Buchreihe.

 

Welchen Anspruch hast du an die Buchgestaltung bzw. Herstellung?

Ich finde schon immer, dass kein Buch wie das nächste aussehen sollte. Der Inhalt soll aufs trefflichste und gut lesbar nach außen transportiert werden. Mein alter Leitsatz. Dafür gibt es viele Hilfsmittel, tolle Schriften, Materialien, Prägungen, Auszeichnungen, so dass jedes Buch sein eigenes Kleid bekommt.   


Welchen Band findest du am besten gelungen?

Michael Glawoggers „69 Hotelzimmer“, von Andreas Töpfer gestaltet, war mein erstes Buch bei der AB. Ich war sehr aufgeregt bei der Arbeit. Es sollte etwas ganz besonderes werden. Und dann hatte ich dieses rundum wunderbare und perfekte Buch in der Hand. Das ist ein ganz großer Wurf, das zu Recht mit dem Preis „Schönstes Buch 2015“ ausgezeichnet wurde. Das war ein sehr erhebender Moment für mich. Aber es gibt natürlich noch viel mehr schöne Bücher, die wir in den letzten Jahren gedruckt haben. Immer wieder sind es die großen und auch die kleinen Details, die mein Herstellerherz höher schlagen lassen, z.B. das flauschige Bezugsmaterial bei Ilija Trojanows „Durch Welt und Wiese“, oder der kleine, leuchtend gelbe Streifen in der Mitte von Hanna Diyabs „Von Aleppo nach Paris“, wenn man das Buch aufschlägt oder die Titelei mit der Europakarte bei Robert Byrons „1925“ oder die Illustration auf Seite 189 in Lafcadio Hearn „Japans Geister“, die Kapitelüberschriften und Initialen bei „Kolokolamsk“ von Ilf/Petrow, die Zwischentitel in Ossorgins „Zeugen der Zeit“, der psychedelische Farbschnitt bei Vila-Matas‘ „Kassel:eine Fiktion“ oder die Zeichnung des Abtes auf der Schlaufe von Sciascias „Das ägyptische Konzil“. Aber auch einfach nur das Blau und das Grün von Cervantes‘ „Die Irrfahrten von Persiles und Sigismunda“ oder das Bärenfell als Bezug bei dem Gedichtband „Ick kieke, staune, wundre mir“. Und diese Liste könnte ich noch unendlich fortsetzen.

 

Gibt es Ereignisse, die dir besonders im Gedächtnis haften geblieben sind, Missgeschicke, Anekdoten oder ähnliches?

Nachdem ich mir genau vor einem Jahr das Sprunggelenk unglücklich gebrochen, habe ich noch am Tag der OP die Ärzte im Krankenhaus damit genervt, dass das Bein unbedingt im 8 Wochen wieder fit sein muss, weil ich da in Frankfurt die Urkunde bei der Stiftung Buchkunst für den Titel Ilf/Petrow „Kolokolamsk“ entgegennehmen wollte. Und wo ein Wille, da ist auch ein Weg und mit Krücken stand ich da vorne und habe stolz unsere Urkunde entgegen genommen. Manche Dinge sind eben wichtig im Leben.

 

Mit welchen Gefühlen nimmst du Abschied? Und wohin geht es jetzt?

Ich hatte eine fantastische Zeit bei der Anderen Bibliothek. So viele Möglichkeiten, so viel Zuspruch und so viele kuriose Begebenheiten. Und ich werde vor allem die Zusammenarbeit in diesem kleinen, aber feinen Team sehr vermissen. 36 Bände sind nun eine schöne Menge Titel, auf die ich zurückblicken kann. Und jetzt geht es auf nach Köln zu Kiepenheuer & Witsch. Ebenfalls ein sehr renommierter und toller Verlag, mit vielen neuen Kolleginnen und Kollegen, neuen Autoren und vielen neuen Büchern. Ich freu mich schon sehr darauf. Ab August werde ich dort die Herstellungsabteilung leiten. Mal sehen, was da für Herausforderungen auf mich warten.    

 


(Porträtfoto Katrin Jacobsen © Michaela Philipzen / Foto Preisverleihung der Stiftung Buchkunst 2015 © Christoph Boekheler)                    

 

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