14. Juli 2017

Blick hinter die Kulissen: Der Gestalter Wolfgang Schaper über die "Sentimentale Reise" von Viktor Schklowskij

Die "Sentimentale Reise" ist im Juni 2017 in der Anderen Bibliothek erschienen - 100 Jahre nach der Russischen Revolution in einer neuen und erstmals vollständigen Übersetzung von Olga Radetzkaja. In seinem Bericht über die Jahre 1917 bis 1922 erzählt Viktor Schklowskij von seiner Zeit als Kommissar an der Front in Galizien und Persien, von seinem Kampf als Sozialrevolutionär gegen die Bolschewiki und von seiner Flucht nach Finnland 1922, als ihm die Verhaftung drohte. Mit scharfem Blick beschreibt er Krieg, Bürgerkrieg und Revolution.
Wolfgang Schaper hat diesen Band (Nummer 390) gestaltet und gibt uns einen Einblick in seine Arbeit:

 

Die sentimentale Reise eines Buchgestalters

Für einen Grafiker, auch wenn er einer ist, der schon viele Buchumschläge entworfen hat, ist es der höchste Genuss, ein komplettes Buch in solch üppiger Ausstattung gestalten zu können.

Ein besonderes Buch und sein besonderer Autor wurden wiederbelebt mit der "Sentimentalen Reise" von Viktor Schklowskij. Die Kriegswirren während der Russischen Revolution werden auf eine nüchterne aber inspirierende Art erzählt.

Ich begab mich in die Zeit des Geschehens, stöberte in Online-Archiven, las Autobiografisches über den Autor, der wie viele Menschen aus dieser Zeit ein sehr hartes Leben hatte und trotzdem sehr viel erreichte. Das beeindruckte mich.

Das Klischee der Revolution wehte mir ständig vor dem inneren Auge: rote Fahnen.

Dann las ich eine Kritik von 1965 aus dem Spiegel-Archiv und da war die Rede vom "Schöngeist im Panzer" als Bezeichnung für Viktor Schklowskij. Das schien mir das passende Bild zu sein. Der sensible Intellektuelle im geschützten Panzer.

Es war Eile geboten, das Vorschau-Magazin der Anderen Bibliothek sollte bald erscheinen und das Buch beworben werden.

Ich arbeitete mich von Skizze zu Skizze.

Ein fotografisches Selbstporträt von Alexander Michailovitsch Rodtschenko gab die Inspiration für den Ausdruck des sensiblen Intellektuellen im Panzer.
Die Figur steckt wie hineingestopft oder gezwungen in der Einstiegsluke des Panzers.
Sie hält eine große rote Fahne – nur die Überzeugung scheint zu fehlen.
Hinter dem Panzer dann eine Parade von einzelnen Soldaten, die verloren und mechanisch einen Weg entlanggehen. Ganz am Horizont erheben sich Sonnenstrahlen – ein Hoffnungsschimmer.
Auf der Rückseite der Schlaufe wie auch im Innenteil des Buches kommen einige revolutionäre Fahnen zum Einsatz. Sie tummeln sich auf Vorsatz- und Nachsatzpapier und winken den Beginn der Hauptkapitel zu.

In den großen Fahnen an den Kapitelanfängen und auch bei den Überschriften der Unterkapitel kommt die Schrift "Tungsten Medium" aus dem Haus Hoefler zum Einsatz. Eine herrlich langbeinige Display-Grotesk, die hier als Hommage an die robuste Typografie der avantgardistischen Plakate der Revolutionsjahre gedacht ist.

Die Satzschrift "Vesper Pro" dagegen hat etwas von spröder und sachlicher Eleganz an sich. Sie eckt etwas an, sie ist ein Arbeitstier und sehr gut lesbar. Sie passt für mich mit ihrem Duktus wunderbar zu diesem harten dokumentarischen Roman.

 

Das Material des Bezuges ist aus grobem Leinen gehalten – nicht geschmeidig also – wie die unbequemen und teilweise improvisierten Uniformen der Zeit.
Konterkariert wird das raue Material durch eine silbern-glänzende Prägung in der Mitte des Bezuges.

Was für ein schönes Spielfeld für ambitionierte Grafiker doch diese Reihe der Anderen Bibliothek ist. Großartig.

 

(Foto Wolfgang Schaper © Privat)
 

zurück

Buch zur News:

Viktor Schklowskij

Sentimentale Reise

Die Wiederbelebung eines Klassikers der sowjetischen Literatur – 100 Jahre nach der Russischen Revolution von 1917.
Mehr
Sentimentale Reise
42,00 EUR
06.2017
1 x 'Sentimentale Reise' bestellen Warenkorb