11. Juli 2017

Literarische Reanimateure: Heiner Boehncke, Hans Sarkowicz und Joachim Seng

Man nennt sie manchmal „Literaturdetektive“. Das hören Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz nicht sehr gern; denn es geht ihnen nicht um die Aufklärung von Verbrechen, oder gar von Morden. Sie haben sich im Gegenteil auf Reanimation, auf Wiederbelebung spezialisiert. Literarische Untote sind ihr Gebiet. Sie pusten den Staub fort, der die Bücher von zu Unrecht vergessenen Autorinnen und Autoren bedeckt. Oder holen sie aus dem Schatten, der von hochberühmten Verwandten auf sie fällt. Es ist Aufklärung in einem anderen Sinn.

 

Zur Anderen Bibliothek gelangten sie 2011 mit der Biografie Grimmelshausen. Leben und Schreiben. Vom Musketier zum Weltautor. Mit Reinhard Kaisers vielgerühmten Übersetzungen des Simplicissimus und anderer Werke von Grimmelshausen in der Anderen Bibliothek kam es zu einer gehörigen Renaissance des großen Barockautors. Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz entdeckten viele bis dahin unbekannte Details aus Grimmelshausens Lebensgeschichte. Dass er den Dreißigjährigen Krieg als Pferdejunge und Musketier überstand, lag vor allem an seiner Leselust und an seiner früh entwickelten Schreibfähigkeit. Sein Stiefgroßvater, Verleger und Buchhändler in Frankfurt am Main – das konnten sie nachweisen – hat ihn früh mit Büchern versorgt.

Johann Kaspar Riesbecks fiktive Briefe eines reisenden Franzosen waren Ende des 18. Jahrhunderts ein europäischer Bestseller bis er sich in den Restaurationen des 19. Jahrhunderts verlor. Die wunderschön illustrierte Ausgabe als Folioband der Anderen Bibliothek überraschte 2013 nicht nur die Liebhaber aufgeklärter politischer und unterhaltsamer Reiseliteratur. Die ZEIT meinte in ihrer Besprechung dieses Bandes, die Andere Bibliothek sei zu einer Heimat bedeutender Reiseliteratur geworden. Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz haben Riesbecks Reisen sorgfältig ediert, seine Lebensgeschichte erzählt und einen umfangreichen Kommentar verfasst. Und sie haben mit großen Mühen bezaubernde zeitgenössische Abbildungen herbeigeschafft.

2015 erschien ein weiterer Folioband in der Anderen Bibliothek: Die Lebenserinnerungen des Malerbruders Ludwig Emil Grimm. Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz lieferten die erste zuverlässige Edition dieser vergessenen Autobiografie. Der Maler, Zeichner, Kalligraph und künstlerische Nachfahre von Ludwig Emil Grimm, Albert Schindehütte, hat diesen überaus reich illustrierten Band zusammen mit der Hamburger Grafikerin Barbara Kloth gestaltet und um eigene Arbeiten ergänzt. Die Entdeckung des Malerbruders als eines herausragenden Autobiografen hat mit dieser sorgfältigen Edition einen kräftigen Schub bekommen. Spricht man von den Brüdern Grimm, darf man nun neben Jacob und Wilhelm getrost Ludwig Emil hinzufügen.

 

Wiederbelebend unterwegs waren Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz auch bei Georg Büchners Familie. Gemeinsam mit Peter Brunner, der heute das Büchner-Haus in Goddelau leitet, haben sie 2008 Georg Büchners fünf Geschwister, Luise und Mathilde, Wilhelm, Ludwig, Alexander und die Eltern Caroline und Ernst porträtiert und eine Familie wiederentdeckt, deren Mitglieder sozial engagiert waren und erfolgreiche Bücher schrieben. Die Büchners oder der Wunsch, die Welt zu verändern wurde 2009 „Hessenbuch des Jahres“.

Mit der Ende Juli 2017 erscheinenden Biografie über Goethes unbekannten Großvater, der ein weit gewanderter Schneider und Gastwirt war, wird ein Verwandter Goethes wiederbelebt, von dem der berühmteste deutsche Dichter nicht abstammen wollte. Der Großvater nannte sich Göthé, weil er in Lyon die Seidenschneiderei erlernt hatte. An diesem Buch voller überraschender Entdeckungen hat Joachim Seng mitgearbeitet. Der Leiter der Bibliothek Freies Deutsches Hochstift Frankfurter Goethe-Museum kennt sich in den den Archivschätzen im Großen Hirschgraben aus. Die Fülle seiner Kenntnisse rührt nicht zuletzt daher, dass er ein Buch zur Geschichte des Hochstifts verfasst hat: Goethe-Enthusiasmus und Bürgersinn. Das Freie Deutsche Hochstift-Frankfurter Goethe-Museum 1881 – 1960. Ohne ihn hätte der 391. AB-Band Monsieur Göthé. Goethes unbekannter Großvater nicht erscheinen können.
 
 
 

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Buch zur News:

Heiner Boehncke, Hans Sarkowicz, Joachim Seng

Monsieur Göthé

Ahnenforschung beim Großen der deutschen Literatur.
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Monsieur Göthé
42,00 EUR
07.2017
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