03. Mai 2017

Ein Veranstaltungsbericht von Stefan Stirnemann: "Ein Meisterkurs in Deutsch: Eduard Engels Deutsche Stilkunst" in der Villa Seeburg

"Szenische Lesung mit Musik am 22. April 2017 mit Volker Ranisch, Josias Just und Stefan Stirnemann

Uttwil am Bodensee war in der Zeit zwischen den Kriegen als Wohnsitz von Künstlern bekannt. Daß man es Thurgauer Weimar nannte, hätte Eduard Engel mit Kopfschütteln zur Kenntnis genommen. Einige Namen solcher Uttwiler: Henry van de Velde, Carl Sternheim, René Schickele. Und als Gäste: Wedekinds Tochter Pamela, Erika und Klaus Mann u.a.

Heute ist Uttwil bekannt wegen seiner Meisterkurse und der Konzertreihe in der Villa Seeburg. Die Veranstalterinnen der Konzertreihe, Isabelle Fischer und Margrit Stickelberger, nahmen den Eduard Engel-Abend gerne auf, aber doch mit Bedenken: Das müsse gut überlegt und aufgebaut sein und gut erklärt werden; die meisten Leute hätten das Wort Stilistik noch nie gebraucht.

Ich setzte mir das Ziel, Eduard Engel, sein Leben und sein Lebensbuch darzustellen, also ein Stück heller und düsterer Kulturgeschichte zu erzählen, und die Gäste zugleich anzuleiten, wie man einen guten Text schreibt. Im Sinne Engels sollte der Abend Freude machen: «Zur Freude, nicht zum Entsetzen, hat sich der Mensch die Kunst geschaffen». (Engel, Was bleibt?)

Es kamen gegen sechzig Gäste, was in der Seeburg volles Haus bedeutet. Sie erhielten neunzig Minuten Kunst, ohne Pause und Entgegenkommen, geballt und gedrungen. Die Vorstellung hat eingeschlagen, Eduard Engel hat auch diese Probe bestanden. Unterstützt wurde er von zwei Könnern ihres Faches, dem Schauspieler und Regisseur Volker Ranisch und dem Klarinettisten Josias Just.

Auch die Andere Bibliothek hat eine gute Falle gemacht.

Als ich mit Volker Ranisch die Texte erarbeitete, wurde mir bewußt, daß Engels Sprache keineswegs einfach ist. Seine und die Texte seiner empfohlenen Autoren so zu wählen und darzubieten, daß sie vom Publikum aufgenommen werden können, war eine Aufgabe und Arbeit. Es entstand ein Abend mit sieben Szenen, einem Prolog und einem Epilog.

Volker Ranisch hat gutes Metall in den Stimmbändern: weiches Gold und Stahl. So bringt er die Vokale und Konsonanten zum Klingen und Schwingen und ist jederzeit klar und verständlich. Für manche seiner Kabinettstücke erhielt er Szenenapplaus: Eduard Engels Gedanken zur Sprachmusik mit Goethes Ballade «Hochzeitlied», Georg Christoph Lichtenbergs Anweisung zum Feuerlöschen, Engels Begegnung mit Julian Schmidt und einem der besten Wortwitze. Mit widerstrebender Zurückhaltung sprach Ranisch die Worte, mit denen damals der sogenannte Propagandaminister Goebbels die Bücherverbrennung eröffnete.
Zur Vortragskunst bringt Volker Ranisch eine vieljährige Erfahrung mit; er tritt im ganzen deutschen Sprachraum mit literarischen Abenden auf. Eines seiner Meisterstücke ist Thomas Manns Felix Krull.

Der Musiker Josias Just ist nicht nur Soloklarinettist des Zürcher Kammerorchesters, sondern auch preisgekrönter Graubündner Volksmusiker, und auch der Jazz ist ihm vertraut. Er spielte Stücke von Schumann und Mozart im typischsten Klarinettenton, aber auch Bachs Badinerie und Fats Wallers Wilde Cat Blues. Stil ist Wahl, und es sollten auch musikalisch verschiedene und eigentümliche Wahlen gezeigt werden.

Als es um Überlieferung und Plagiat ging, trug Josias Just ein Stück mit Echo vor, Kodalys «Am Lagerfeuer». Ist etwa alle Kunst nur ein Echo? Original, fahr hin in deiner Pracht! Eva Wassermans «Generation of Hope» sollte aus der bedrückenden Vergangenheit des Dritten Reiches wegführen. Als in der letzten Szene die Katastrophe eintraf und Volker Ranisch die entscheidende Seite in Eduard Engels Deutscher Stilkunst nicht fand, da Stefan Stirnemann ihm die falsche Seitenzahl nannte, überbrückte Josias Just das (geplante) Unglück mit einer Improvisation und spielte so trostreich und zuversichtlich, daß alles von selbst wieder ins Lot fand.

Im Publikum war auch Marianne Degginger. Sie hat, Tochter einer jüdischen Mutter, das sogenannte Dritte Reich zusammen mit ihrer Familie überlebt und ihre Erinnerungen im Buch «Schwieriges Überleben» festgehalten.

Nach neunzig Minuten Eduard Engel gab es zu essen und zu trinken. Der Sprachkreis Deutsch (SKD) hat vier Deutsche Stilkünste gestiftet, die verlost werden konnten. Margrit Stickelberger zog vollkommen unparteiisch ein Los.

Stimmen: Ich bin vom Abend überwältigt, beglückt! Vernissage auf höchstem Niveau! Die Künstler haben mit sparsamen Mitteln Ausserordentliches vermittelt, jeder auf seine Art. Dazu der Rahmen der fiktiven Bücherregale: er brachte die untergegangene private Welt wieder zum Funkeln. Herrlich! Ein wahrer Meisterkurs in Deutsch! Aufführung wiederholen!

 

Wir danken Stefan Stirnemann für den Bericht!


 

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Buch zur News:

Eduard Engel

Deutsche Stilkunst

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Deutsche Stilkunst
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