19. Mai 2022

Blick hinter die Kulissen: Lydia Sachse und Robert Schumann von Buchgut über ihre Arbeit an Rot und Weiß von Joseph Roth

Eine frühere Begegnung mit Joseph Roth durch seinen Schlüsselroman »Das Spinnennetz« liegt weit zurück. In Erinnerung ist ein Satz, in dem der Autor seine nationalistische Figur Theodor und seinen Eifer beschreibt: »Man kann sagen, er übertraf die Erwartungen, die er niemals auf sich gesetzt hatte.« Roths Beschreibungen sind präzise und dennoch immer subtil mysteriös. Das gilt auch für seine Reiseberichte, die nur etwas später in den Zwanziger Jahren entstandenen »Juden auf Wanderschaft« und »Die weißen Städte«, die erstmals in dem von uns zu gestaltenden Band Rot und Weiß zusammengebracht wurden. Der Titel ist ebenso klar wie rätselhaft. Typisch für Roth. 

Wir näherten uns dem »Wanderer zwischen Städten«, wie der Band untertitelt ist, eben über seine beeindruckend deutliche Sprache und, weil es persönliche Texte sind, über die Recherche zum Autor. Die bewegende und oft tragische Biographie des Schriftstellers gab uns die Perspektive auf den Text.
Schon zu Beginn war uns wichtig, das Mysterium des Titels nur bedingt aufzulösen. Weder wollten wir abstrakt die beiden Farben des Titels simpel gegenüberstellen oder sie etwa nur über Materialien kombinieren, noch wollten wir entschlüsseln, was Roth etwa genau mit »weißen Städten« meint. Die Vermittlung von Reiseaufzeichnungen, insbesondere jene des Autors im französischen Mittelmeerraum, hielten wir dennoch für gegeben. Lyon, Avignon, Nîmes, Arles, Marseille sind die Stationen, Sehnsuchtsorte, damals wie heute.

     
Auszüge aus der Motivrecherche: Verschiedene Reiseplakate und Reisemagazine, © AKG, Bridgeman
 
Zwei gestalterische Ansätze ergaben sich aus der visuellen Inspirationssuche: Postkarten und Reiseplakate. Das zeitgenössische Material ist ästhetisch so spezifisch und teilweise visuell so eindrucksvoll, schon allein wegen der für die Zeit sehr aufwendigen technischen Umsetzung. So besorgten wir uns auf ebay eine Reihe unbeschriebener Originalpostkarten, etwa wie hier aus Avignon, und sammelten Reproduktionen von Reiseprospekten und Tourismusplakaten. 
 
   
Motivrecherche: Originalpostkarten aus Avignon
 
Im gestalterischen Prozess mit diesem Material, das uns jeweils genug lustvolle Aussicht auf die mitzuentwickelnden Innengestaltung bot, entstanden verschiedene Cover-Entwürfe, von denen wir fünf an den Verlag sandten. Mit dieser Auswahl schufen wir insgesamt ein breites Interpretationsspektrum zwischen authentisch, dokumentarisch und zeitlos – wie jener Entwurf mit einem Foto einer kleinen Mittelmeerfähre, die seit den 30er Jahren noch immer unterwegs ist. Wir fanden, die treffende Antwort liegt eigentlich dazwischen. Wie so oft. 
 
   
   
Coverentwürfe, © Buchgut
 
Mit der Entscheidung für das Marseille-Motiv, eine Illustration auf dem Titel der Sonderausgabe von »Le Monde Illustre« von 1922, war auch die gestalterische Tonlage definiert, die wir auf die Innengestaltung übertragen wollten.
Zum starken historischen Motiv brauchte es aus unserer Sicht nur ein leichtes, korrektes typografisches Zitat. Die vor 20 Jahren (neu)gezeichnete »Neutraface«, angeblich im Architekturbüro Richard Neutras häufig verwendet, bietet eben jene zeittypischen Grotesk-Elemente wie eine niedrige Mittelhöhe, strenge Geometrie und einen selbstbewussten Duktus.

Inspiration war hierfür ein vom Verlag zur Verfügung gestellter Brief Joseph Roths, von unterwegs gesendet, auf dem Briefpapier der Dégustation »Cintra« in Marseille. Vermutlich hat Roth in der Bar nach Stift und Papier verlangt, und so ist uns nicht nur das rührende Schreiben des Autors überliefert, sondern auch das perfekte Erscheinungsbild des Lokals. Die extrem schöne Typografie auf dem Kopfbogen zeigt eben jene Charakteristika, die uns die »Neutraface« bietet. 


Brief von Joseph Roth auf dem Hauspapier der Bar Cintra
 
Damit war die Akzentschrift entschieden für den Innenteil des Bandes. Der geometrischen Grotesk stellten wir eine kontraststarke, modern interpretierte Barockschrift gegenüber. Die relativ junge »Lyon« hat perfekte Leseeigenschaften. Während sie im normalen Lauf stark konturiert und klar den Text vermittelt, wird sie in den Kursiven anschmiegsam und fast lieblich. Mit nur zwei Schnitten kann man mit ihr einem wissenschaftlichen Text eine poetische Note geben. Das ergab für uns eine stimmige Kombination mit der nüchternen »Neutraface«, die auch die Funktionstexte, Bildunterschriften und das gesamte Nachwort übernahm.

Beim Satzbild fügte es sich – dem Ton des Textes folgend – zu einem klassischen, unverspielten, klaren Aufbau. Eine unruhige Textaufbereitung wäre dem Inhalt nicht zuträglich. Für einen minimalen und dennoch kraftvollen Ausdruck sorgt hingegen die Sonderfarbe Blau. In Kapiteltrennern und Texthervorhebungen. Eben! Nicht Rot! Auf den flächigen Trennseiten sorgt ein vergrößerter Ausschnitt einer Karte Avignons für eine lebendige Verortung und dokumentiert den Weg des »Wanderers«.


Foto: BANK™
 
Die Grafik fanden wir auch auf dem Einband reizvoll, entschieden uns aber für das haptisch aufregende Peyer Creation Purpur, das mit dem Motiv auf der Schlaufe sowie mit dem glatten auberginefarbenen Vorsatzpapier, ebenfalls von Peyer, zusammengeht.

   
Verschiedene Einbandvarianten, © Buchgut
 
 
Lydia Sachse ist freischaffende Buchgestalterin in Ulm und Berlin und hat mit dem Buchgestalter Robert Schumann bei Buchgut in Berlin Rot und Weiß gestaltet. Buchgut arbeitet seit 2008 vornehmlich für Verlage, meist an politischen Sachbüchern und anderen erklärungsbedürftigen Themen.

 

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