16. März 2022 13:00 Uhr

Nur eine Etappe
Ein Gastbeitrag von Michael Thumann zum Krieg in der Ukraine

»Als ich am Tag des russischen Überfalls auf die Ukraine in Moskau aufwachte, war ich überrascht. Ich hatte fest mit einem Angriff gerechnet, doch von ganz anderer Art, nämlich mit einer Scheibchen-Invasion von Osten, erst im Donbass, dann entlang der Schwarzmeerküste, dann Richtung Odessa, später nach Kiew. Eine Einverleibung der Ukraine Stück für Stück, mit allmählicher Zerrüttung, mit Falschnachrichten und systematischer Irreführung darüber, was wirklich passiert. Doch Putin will offenbar nicht mehr Versteck spielen. Er lebt seine Ambitionen und Aggressionen offen aus. Und damit überraschte er nicht nur mich, sondern seine eigene Armee, sein Volk, die Ukraine und Europa, wo man mit dem größten Angriffskrieg seit dem Zweiten Weltkrieg nicht gerechnet hatte. 
 
Ich hätte in den fiebrigen Februartagen vor dem Überfall vielleicht nochmal zu meinem eigenen Buch greifen sollen, das im Herbst 2020 erschienen ist. Nationalismus führt zum Krieg, das ist die zentrale These. Nationalisten behaupten, es gäbe so etwas wie einen „guten“ oder „sanften“ Nationalismus, sie fangen die Menschen ein mit Versprechen von Schutz und Geborgenheit. Doch ist diese Ideologie vom Krieg nicht zu trennen. Der Nationalist sieht sich als Opfer und erkennt in den anderen die Schuldigen. Siehe Putin. Er sucht besessen nach Beleidigungen und Erniedrigungen, die ihm widerfahren seien. Siehe Putin. Daraus speisen sich der Revanchismus, die Selbsterhöhung der Nation und der Anspruch auf das Territorium und die Städte der anderen. Durchgesetzt wird dieser durch brutale Gewalt, die keine Grenzen kennt, wie Putins Krieg gegen die Ukraine. 
 
Das alles zeichnete sich spätestens 2014 ab, als Putin die Ukraine zum ersten Mal überfiel, ihr die Krim raubte und erhebliche Teile des Donbass erobern ließ. Mit der offenen Verschiebung von Grenzen, mit der Eroberung von Land warf der Nationalist Putin die europäische Friedensordnung über den Haufen. Doch die Reaktion im Westen war gespalten. Einerseits verhängten die Regierungen vorsichtige Sanktionen. Andererseits begaben sich vor allem die Deutschen auf eine zermürbende Selbstinspektion. Warum ist der freundliche Herr Putin, der 2001 im Bundestag so nett zu uns gesprochen hat, plötzlich so verärgert? Haben wir etwas falsch gemacht? Möglich: Haben die Amerikaner ihn nicht immer geärgert und nicht respektiert? Hätten wir die Nato lieber nicht erweitern sollen? Wäre dann nicht alles gut?
 
Nichts wäre gut. Heute wissen wir: Diese falschen Erzählungen und Analysen verdeckten in den vergangenen acht Jahren den wahren Charakter des russischen Regimes und die gefährliche Kraft des Nationalismus. Wladimir Putin füttert bewusst ein westliches Missverständnis über Russland. Viele glauben, dass Putin nur auf die USA und die Nato reagiere. Wenn der Westen sich bloß anders verhielte, Verständnis zeigte und auf Putins Sorgen einginge, dann würde dieser ganz anders handeln. Das ist eine falsche Annahme, und übrigens eine, die Russland unterschätzt. Russland ist eine Weltmacht, groß genug, um nicht auf andere zu reagieren, sondern aus eigenem Antrieb zu handeln. Genau das tut Putin. Er hat weitreichende Pläne, sieht den Westen als schwach und möchte eine andere Ordnung in Europa errichten, ohne die USA.
 
Putins Weg in den Nationalismus und die furchtbaren Folgen sind in meinem Buch ausführlich beschrieben. Ich habe Putin mehrmals persönlich getroffen. In den Begegnungen und Beobachtungen konnte ich mich überzeugen, wie aus einem postsowjetischen autoritären Bürokraten ein russischer Nationalist und Imperialist wurde. Er ist mit dieser Ideologie nicht Präsident geworden, er hat sie sich vor zehn Jahren zu eigen gemacht, um seine Macht zu erhalten und auszubauen. Das ist sein „neuer Nationalismus“. 
 
In den vergangenen zehn Jahren hat er diese Herrschafts-Ideologie radikalisiert. Die Unterwerfung der Ukraine mit aller Gewalt ist nur eine Etappe. Putins wirkliches Ziel ist die russische Vorherrschaft über weite Teile Europas und der Sturz der Weltmacht Amerika. Putin steht für seine Pläne die derzeit weltweit modernste Atomstreitmacht zur Verfügung. Er hat diese strategischen Truppen in Alarmbereitschaft versetzt. Wladimir Putins nuklear bewehrter Nationalismus bedroht nicht nur die Ukraine, sondern die Welt.«
 

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Buch zur News:

Michael Thumann

Der neue Nationalismus

Ein altes Gespenst geht um die Welt: Ein neuer und autoritärer Nationalismus bedroht die liberalen Demokratien.
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Der neue Nationalismus
22,00 EUR
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