28. Januar 2021 10:00 Uhr

Blick hinter die Kulissen: Martin Steiner über seine Arbeit an Die Macht des Charlatans

Grete De Francesco veröffentlichte 1937 ihre Studie über Die Macht des Charlatans. Die zu diesem Zeitpunkt 44-jährige Gelehrte und Publizistin hatte ein bewegtes Leben hinter und auch noch vor sich. Der sehr gelungene biographische Essay von Volker Breidecker lässt die Leser in das Leben De Francescos eintauchen, das mit der Ermordung durch die Nazis im Jahre 1945 ein grausames Ende fand.

 
In ihrem Buch stellt Grete De Francesco die „Figur“ des Scharlatans in historischen Bezügen, mit all seinen Facetten dar. Sie durchwandert mehrere Jahrhunderte und ermöglicht den Lesern dadurch, die Entwicklung der Scharlatanerie zu erfahren und somit auch Parallelen in die Gegenwart zu ziehen. Gerade heute bietet sich dem Typus des Scharlatans eine große Bühne; wirtschaftlich, wissenschaftlich, aber vor allem auch politisch finden fragwürdige Persönlichkeiten ihr durchaus zahlreiches Publikum.
 

Foto: BANK™
 
Das Buch ist von einer Anzahl an Abbildungen durchzogen, welche Grete De Francesco in verschiedenen Lebensstationen zusammengetragen hat und den Text trefflich bebildern. Durch diese historische Bildwelt taucht man in die Epochen ein und erhält durch diverse Kupferstiche, Gemälde und Radierungen einen umfassenden Einblick in die Entwicklung der Scharlatanerie.
 
Der Ausgangspunkt der Gestaltung ist die stetige Veränderung der Scharlatanerie und deren Anpassung an das Jetzt. Mit immer wiederkehrenden Elementen, dem Spiel der Täuschung und der Illusion in Wort und Bild manipuliert der Scharlatan sein Publikum. Er besitzt förmlich ein Repertoire manipulativer Kunst. Das Zusammenspiel mehrerer Sinne und Formen ist die Grundlage für die Gestaltung der Buchschlaufe. Die Collage, als Formspiel von verschiedenen Inhalten, versinnbildlicht passend das Sujet der Scharlatanerie.
 

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Die Buchschlaufe ist sowohl auf der typografischen als auch auf der bildhaften Ebene collagiert gestaltet. Elemente, die dem Thema der Scharlatanerie entnommen sind, stehen im Bezug zueinander und bilden so das Hauptmotiv. Der goldene Kreis als bedeutende weltliche Form, auch als Symbol der Macht, wird zentraler Teil der Collage und unterstreicht dadurch die Aussage des Titels.
 
Gold ist im gesamten Buch die auszeichnende Farbe. Aus den Bezügen zur Alchemie (die Herstellung von Gold ist ein zentrales Thema der Scharlatanerie) ist die Auszeichnungsfarbe in den Kapitel-Aufmacherseiten, den Überschriften, den Zitatebenen und in der Paginierung wiederzufinden.
Die Collagenform der Buchschlaufe wird auch in das Innere des Buches übertragen. Die Kapitel-Aufmacherseiten stellen bildhaft-thematisch das jeweilige Kapitel vor. Kupferstiche und Signets bilden mit der typografischen Ebene eine collagierte Abbildung.
 

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Der Einband des Buches ist umlaufend mit einem Detail des Gemäldes „Der Gaukler“ (um 1502) von Hieronymus Bosch bezogen, welches auch als eine der Abbildungen im Buchinhalt zu sehen ist. Das Gemälde stellt eine Szenerie dar, auf dem der Gaukler (Scharlatan) in der rechten Bildhälfte seinem Publikum eine goldene Kugel anpreist. Im Publikum (linke Bildhälfte des Gemäldes) sind die gängigen Charaktere des Scharlatan-Publikums vertreten. Der Durchschauende, der Taschendieb, die Ungläubigen, die Sympathisanten. Das Publikum wird in den Bann des Scharlatans gezogen. Dieser Bildaufbau lässt sich trefflich auf das Medium des Buchumschlages übertragen. Die Aufteilung des Scharlatans auf der rechten Bildhälfte fügt sich kompositorisch auf die Umschlag-Vorderseite ein und erzeugt so den direkten Dialog zu den Betrachtern. Die Person, die das Buch in den Händen hält, wird folglich Teil des Publikums.
 

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Das Vor- und Nachsatzpapier ist in Gold gehalten und wird durch die Darstellung von Mondphasen ergänzt, welche die zeitliche Wiederholung und Unbegrenztheit symbolisieren. Im Zentrum steht jeweils ein alchemistisches Siegel.
 
Die Kapitel sowie die Unterkapitel werden durch goldene Initialen eingeleitet. Die Größe der Initialen ist auch in den Schriftgrößen der Buchstaben auf dem Titel der Buchschlaufe wiederzufinden.
 

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Die verwendete Schriftart, die Sabon, eine französische Renaissance-Antiqua, wurde von Jan Tschichold in Anlehnung an die Schriftart Garamond geschnitten. Tschichold emigrierte im Jahr 1933 von Leipzig nach Basel und arbeitete dort im renommierten Schwalbe Verlag, in welchem Grete de Francescos Buch erstmals veröffentlicht wurde. Er war auch für die Gesamtgestaltung verantwortlich und somit auch ein Weggefährte Grete De Francescos. Die Sabon (1967 veröffentlicht) nimmt so den Faden wieder auf und verbindet die historischen Gestaltungsbezüge der Originalausgabe mit der aktuellen Ausgabe der Anderen Bibliothek. 
 
Es ist wirklich sehr erfreulich, dass Grete De Francesco und ihre Studie durch die Neuauflage eine würdige Kenntnisnahme erfahren. Inhaltlich wird das Buch immer seine Aktualität bewahren, Akteure der bewussten Manipulation wird es wohl leider auch in Zukunft geben.
 
In diesem Text wird ausschließlich die männliche Form verwendet. Damit sind alle anderen Formen gleichermaßen mitgemeint. 
 
 
Martin Steiner ist freier Grafiker und konzipiert und gestaltet diverse Publikationsformen für kulturelle und kommerzielle Projekte.

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Buch zur News:

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44,00 EUR
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