08. April 2020

"Aus den Schreibstuben dieser Tage"

In ihrer Schreibstube arbeitet Timea Tankó an der Übersetzung von Miklós Szentkuthys Buch Apropos Casanova, das im Juli in der Anderen Bibliothek erscheint. Darin erreicht uns eine Flaschenpost aus anderer Zeit – Sätze wie: „Das Leben ist nur in Maske zu ertragen“, die wir heute mit anderen Augen lesen, finden sich etwa im Auftakt des zehnten Kapitels:

„Ging ich in Maske aus“ – das ist der logische Höhepunkt der Zivilisation als Widerspruchsbejahung. Diese Kultur ist eine Maskenkultur, die Wirklichkeit des 18. Jahrhunderts ist die Wirklichkeit der Maske. Unter „Psychologie“ verstehen wir hier die Missverständnisse, zu denen die Maske führt, die Spielereien des Quiproquo; auch die Sinnlichkeit erlangt erst durch das Maskengeheimnis ihre wahre Größe. Hinter der Maske lauert Nihilismus – die Maske hat ein ähnliches Tragödienpotential wie Venedig, allein dadurch, dass es Venedig ist. Selbst bei Sophokles oder Shakespeare findet man keine solch tragische Sentenz wie hier bei Casanova: Ich ging in Maske aus. In bunter Maske? Schwarzer? In einer mit langer, gebogener Ungetümnase oder in einer schlichten Halbmaske? Das Leben ist nur in Maske zu ertragen – hier nutzt die Zivilisation mit einer verwegenen Geste das höchste aller Spiele aus, die sich aus ihrem inneren Widerspruch ergeben, zugleich ist aber auch ihre Sehnsucht nach der Nichtzivilisation ganz ungeheuerlich.

 

 

Abbildung aus: Gaetano Zompini, Le arti che vanno per via nella città di Venezia

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Buch zur News:

Miklós Szentkuthy

Apropos Casanova

»Hier ist ein wirklich amusabler, ein sehr wacher, sensitiver, empfänglicher Geist, der im höchsten Sinne Spaß versteht.&l ...
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Apropos Casanova
44,00 EUR
08.2020
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