07. April 2020

"Aus den Schreibstuben dieser Tage"

Für die Andere Bibliothek hat Frank Trende die vielgelobte Neuausgabe der Reisebeschreibung nach Arabien und andern umliegenden Ländern von Carsten Niebuhr als Folioband begleitet und mit einem instruktiven Vorwort versehen. Dieser Tage war es nun Jules Vernes famoser Roman Die Jangada – 800 Meilen auf dem Amazonas (Band 406), der ihn zu literarischen Streifzügen mit Arno Schmidt und Rolf Vollmann zwischen Nord- und Ostsee einlud.

Der Weg vom Amazonas, auf dem Joam Garral tausende Kilometer über viele Monate mit einem riesigen Floß Brasilien durchquert und Richtung Atlantik unterwegs ist, bis zur Eider, die zwischen Schleswig und Holstein fließt und bei Tönning in die Nordsee mündet, ist kürzer als gedacht. Als im Jahre 1881 Die Jangada in zwei Bänden erschien, war im Anhang eine literarische Reportage zu lesen, die zwar aus der Feder von Jules Vernes Bruder Paul stammte, an der Jules Verne allerdings durchaus mitformuliert hatte. Diese Reportage mit dem Titel Von Rotterdam nach Kopenhagen an Bord der Dampfyacht ‚Saint Michel‘ hatte schon Anfang August 1881 in Frankreich in der Zeitung gestanden, aber größere Verbreitung erlangte sie erst als literarisches Beiboot des Verne’schen Amazonasfloßes. Paul Verne war Teil einer kleinen Reisegesellschaft, mit der Jules Verne im Juni 1881 nach Kopenhagen aufbrach, und er wurde an Bord der Dampfyacht „Saint Michel III“ in jenen Tagen zum Reiseschriftsteller.

 

Ob Kopenhagen erreicht würde, war aber keineswegs sicher, weil Jules Vernes Reisezeitplan ins Rutschen gekommen war und der Weg die deutsche Nordseeküste hinauf und rund um Skagen herum ihm wohl auch Respekt einflößte. Die Route war unter Seefahrern berüchtigt, weil sie große Gefahren barg und es durch die Jahrhunderte zu zahlreichen Strandungen und Havarien gekommen war. Am 15. Juni 1881 erfuhr der französische Schriftsteller in Wilhelmshaven allerdings, dass man die Nord-Süd-Landbrücke der jütländischen Halbinsel auch per seegehendem Schiff in West-Ost-Richtung kreuzen, dass man Schleswig-Holstein auf dem Wasserwege durch das Flussbett der Eider und vermittels eines künstlichen Kanals durchqueren konnte. Dieser Kanal war nur möglich geworden, weil 1773 Schleswig und Holstein nach einem Gebietstauschvertrag nun Teile des dänischen Gesamtstaats wurden, der von Altona an der Elbe bis zum Nordkap reichte. Der dänische König war seitdem der einzige Landesherr für Schleswig und Holstein. Im 18. Jahrhundert entfaltete auch im dänischen Gesamtstaat die merkantilistische Wirtschaftspolitik ihre Wirkung, Ziel war das Streben nach größtmöglicher Förderung der produktiven Kräfte im Inland durch staatliche Impulse und der Erwirtschaftung von Überschüssen im Außenhandel. Dafür war eine Wasserstraße zwischen Nord- und Ostsee ein ideales Infrastrukturvorhaben. Im Oktober 1784 konnte der größte Kanal Europas in Betrieb gehen, die Untereider von Tönning bis Rendsburg war ausgebaut, das eigentliche Kanalbett von Rendsburg bis zur Kieler Förde gegraben und sechs Schleusenanlagen, die den Wasserstand regulierten, waren in Betrieb. Dichter der Zeit – Johann Gottfried Seume und Friedrich Gottlieb Klopstock allen voran – besangen das bauliche Wunderwerk, die anmutige Landschaft rundum, in der strahlend weiße, klassizistische Herrenhäuser lagen, durch deren Parks nun veritable Seeschiffe fuhren.

 

Als Jules Verne auf der „Saint Michel III“ ein Jahrhundert später von Rendsburg in Richtung Kieler Förde dampfte, sah er die landschaftliche und architektonische Szenerie noch so, wie sie auch Klopstock und Seume vor Augen gestanden hatte. Die großen Hoffnungen, dass der Kanal die Industrialisierung im Norden beflügeln würde, waren nicht in Erfüllung gegangen.

 

Die Reportage von Paul Verne bezaubert vor allem dort besonders, wo sie von der Passage durch Schleswig-Holstein handelt, durch die eigentümliche, heitere Stimmung von Naturbeobachtungen und der Schilderung von Schifffahrtserlebnissen, der Text klingt wie eine Mischung aus frühem nature writing und Seemannsgarn.

 

In Kiel angekommen, entging Jules und Paul Verne nicht, dass der Hafen für die Kaiserliche Marine ausgebaut und befestigt wurde. Sie nahmen auch wahr, dass die Vorbereitungen für einen neuen Kanal begonnen hatten, durch den die beiden kaiserlichen Marinestützpunkte Wilhelms-haven und Kiel miteinander verbunden werden sollten. Die Abmessungen der Schiffe waren über die Maßstäbe des alten Kanals hinausgewachsen. Der Verne‘sche Text wurde so auch zu einem Sinnbild dafür, dass das einstige technische Wunderwerk Ende des 19. Jahrhunderts seine besten Tage hinter sich gelassen hatte. Eine neue Zeit kündigte sich an, und ein neuer Kanal auch.

 

Die Verne’sche Reisegesellschaft erreichte Kopenhagen und trat nach einigen Tagen in der dänischen Hauptstadt die Rückreise an – wieder durch Schleswig-Holstein. Für Mittwoch, den 29. Juni 1881 trug der Schriftsteller auf dem Heimweg in sein Bordbuch ein: „Wir laufen um 2 ½ des Morgens aus. Die Eider hat bis zur Mündung Mäander. Während des ganzen Tages weht uns der Westwind entgegen. Wir haben klare Sicht auf Helgoland mit seinen roten Felsen. Die Insel sieht aus wie das Haupt der Sphinx.“ Das Resümee seiner Eindrücke von der Durchquerung Schleswig-Holsteins hatte Jules Verne aber schon zwei Tage vorher auf dem Kanal notiert: „Es ist ein herrliches Land.“

 

„Die Fahrt scheint nach unbekannten Welten zu gehen“, heißt es in Paul Vernes Text über die Entdeckungsfahrt, die die Dampfyacht zwischen Rendsburg und Kiel unternommen hatte. Vor allem durch diesen Satz ist die Schilderung der Reiseerlebnisse mit den Romanen und Erzählungen aus dem Zyklus der Voyages extraordinaires, der Außergewöhnlichen Reisen des Schriftstellers Jules Verne verbunden. Und in Kiel erhoffte man sich, dass die in wilhelminischer Zeit aufblühende Hafenstadt Eingang in einen der nächsten Romane von Jules Verne finden würde. Dieser Wunsch ging nicht in Erfüllung. Aber ihren literarischen Niederschlag fand die Reise dennoch – Verne machte die Eider auf seine Weise zum Erzähl-Fluss: Denn der Anhang der Jangada hatte die Neugier des begeisterten Verne-Lesers Arno Schmidt geweckt. Er bereiste das Eiderufer auf Vernes Spuren und in Zettels Traum von 1970 heißt es: »SiehsDu : jetz hasDe wieder noch nich den PAUL VERNE Dir an-geseh’n; und seine Fahrt durch den Eider=Kanal ... – : ?« Das neue Werk von Arno Schmidt nach Zettels Traum erschien im Jahr 1972, Die Schule der Atheisten (Untertitel: Novellen=Comödie in 6 Aufzügen), dessen Handlung im Jahre 2014 an der Eider und vor allem in Tellingstedt spielt und um eine streng geheime Friedenskonferenz zwischen der amerikanischen Außenministerin und dem chinesischen Außenminister just am Dithmarscher Eiderufer kreist. Schon mit dem Titel erwies Schmidt Jules Verne seine Reverenz, denn es sind vor allem Vernes Roman Die Schule der Robinsons, eine Art Parodie auf Romane mit Robinson-Motiv, und Paul Vernes Bericht von der Reise der „Saint Michel III“ von Rotterdam nach Kopenhagen, die Schmidts Novellen=Comödie die innere Struktur gaben. In dieser, wie der Spiegel in seiner Rezension schrieb, „utopischen Dithmarscher Zauberposse“, gibt es zahlreiche offensichtliche und verdeckte intertextuelle Anspielungen, Ver-weise und Bezüge zu Jules Verne und seinem Werk zu entdecken: „Natürlich, so der SPIEGEL, „ist mit dem Kapitän Ollive von der ‚Kandace‘ jener Kapitän Ollive von der Jacht ‚Saint Michel III‘ ge-meint, auf der am 16. und 17. Juni 1881 Jules Verne die Eider hinaufdampfte – jener Verne, der in der Dithmarscher ‚Schule‘ besonders tiefe Spuren hinterlassen hat.“ 

 

Ausschweifend hat Jules Verne in seinem Roman Die Jangada eine Amazonasreise beschrieben, als sei er selbst mit dem Riesenfloß auf dem Riesenfluss unterwegs gewesen. Paul Verne versteht es, die komplizierten Umstände der Flussreise durch Schleswig-Holstein – die Yacht drohte in Schleusen und Untiefen stecken zu bleiben – unterhaltsam und gleichsam augenzwinkernd zu erzählen. Eine literarische Landschaftserkundung auf seinen Spuren ist lohnend und zugleich eine Reise auf den Spuren von Arno Schmidt: Der Hafenort Tönning, die Windungen des Eiderflusses, die Überreste des goethezeitlichen Kanals und seine Schleusenanlagen, all dies ist heute noch zu besichtigen. „Eider ist Eider“, schrieb Rolf Vollmann 1988, nachdem er den Brüdern Verne und Arno Schmidt „im Lande Kolderups unter den Laubengängen der Eider“ reisend nachspürte, „und die hauptsache ist, ich komme endlich hin“.

- Frank Trende

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