23. März 2020

"Aus den Schreibstuben dieser Tage"  

Der Kreis der Autorinnen und Autoren, der Freunde der Anderen Bibliothek, verzagt dieser Tage nicht. In ihren Schreibstuben, Wohnungen und (provisorischen) Arbeitszimmern arbeiten sie alle weiter an ihren Projekten, viele davon künftige Bände der Anderen Bibliothek. Von Heiner Boehncke erreicht uns die Nachricht von einem Fund für den Band 428: Der fremde Ferdinand, der von ihm und Hans Sarkowicz im August erscheinen wird. Es ist der Auftakt einer losen Reihe an Meldungen aus zwar physischer Distanz, aber verfasst mit lesender Zuversicht:

»Zusammen mit Hans Sarkowicz arbeite ich an einer Auswahl der Sagen und Märchen, die der unbekannte Grimm-Bruder Ferdinand zusammengetragen hat. Das Buch erscheint im August in der Anderen Bibliothek. Wenn nicht… nein, es wird erscheinen.

Heute möchte ich Ihnen oder Euch ein klein wenig von dem Material präsentieren, mit dem wir es zu tun haben.

Ferdinand Grimm war der zweitjüngste von fünf Brüdern. Er wurde als das schwarze Schaf, der bunte Vogel der Familie angesehen und nicht selten auch so behandelt. Ein Sonderling war er gewiss. Hatte nie genug Geld, war oft krank, schmetterte harte Urteile über Dichter und andere Künstler von sich, deren Nähe er gleichwohl suchte und fand. Er war aber auch ein sehr belesener Kenner der Literatur und fleißiger Theaterbesucher. Es hieß, er läse alle wichtigen Literaturzeitschriften. Wenn Jacob und Wilhelm etwa wissen wollten, was von Heinrich Heine zu halten sei, fragten sie Ferdinand und bekamen zur Antwort, er sei ein guter Dichter, der mit einem feinen jüdischen Witz gesegnet sei. Und überhaupt fanden wir bei ihm keinerlei antijüdische Äußerungen. Seine Kenntnisse rührten gewiss auch von seinem Beruf her: 19 Jahre lang, von 1815 bis 1834 war er Korrektor und Korrespondent bei Georg Reimer in Berlin, bei dem auch Jacob und Wilhelm Grimm publizierten. Gelegentlich liest man, er habe bei Reimer als Lektor gearbeitet. Korrektor und Lektor waren noch nicht von einander getrennte Berufe und so möchte ich erzählen, dass ich Heinrich von Kleists Hinterlassene Schriften besitze, die 1821 bei Reimer erschienen. Ich hoffe oder bilde mir ein, dass Ferdinand Grimm dieses Buch ein bisschen mehr als korrigiert hat. Jedenfalls kann man in seinen größtenteils unveröffentlichten Briefen in der nun bis auf weiteres wegen Umzugs geschlossenen Handschriftenabteilung der Berliner Staatsbibliothek lesen, wie sehr ihm an dieser Ausgabe gelegen war. Er war in Kleist geradezu vernarrt und wurde seinen Brüdern gegenüber nicht müde, ihn zu loben und zu preisen. Aber Kleist verkaufte sich nicht. Der Prinz Friedrich von Homburg lag jahrelang wie Die Hermannschlacht ungedruckt im Verlag. Ferdinand ließ seine Brüder am ungeduldigen Warten teilhaben und schickte ihnen schließlich hoch erfreut die Druckbögen des Prinzen von Homburg. Vielleicht war es seine Idee, Ludwig Tieck um ein Vorwort der Hinterlassenen Schriften zu bitten, damit sie Käufer finden. Aber Tieck lieferte nicht. Es dauerte deshalb wieder Jahre, bis das Buch endlich erschien. Tiecks Vorrede wurde zu einem 73 Seiten langen wunderbaren Vor-Buch, das jedem Kleistliebhaber und jeder Liebhaberin zur Lektüre empfohlen sei. In Ferdinand Grimms erster Sagen- und Märchensammlung, die unter dem Titel Volkssagen und Märchen der Deutschen und Ausländer 1820 im Leipziger Verlag F. A. Brockhaus erschien, finden sich eine Michael Kohlhaas-Sage und eine Kleists Berliner Abendblättern entnommene Version des Bettelweibs von Locarno.

Für Jacob und Wilhelm Grimm wurde Kleists Novelle Michael Kohlhaas zu einem Schlüsseltext.

Erst im Licht sämtlicher (größtenteils ungedruckter) Briefe Ferdinands, in denen er Kleist erwähnt, wird deutlich, wie sehr er zur Kleist-Rezeption seiner Brüder beigetragen hat. Zum Schluss meines AB-Briefes aus der noch splendiden Isolation teile ich Auszüge eines Briefes von Ferdinand Grimm an seine Brüder Jacob und Wilhelm in Kassel mit:

„Liebste Brüder ihr habt mir lang nichts geschrieben, ihr seid doch wohl?“, schreibt Ferdinand am 23. Mai 1818 aus Berlin an Jacob und Wilhelm in Cassel. Bald berichtet er von einer Wanderung zu Kleists Grab:

„Am frühen Morgen stand ich vor des armen Kleists Grab; seine Frau liegt daneben. Von der Anhöhe, ein geräumiger mit Kiefern umschloßner Platz, hat man eine helle Aussicht über den weiten und breiten heiligen See zu allen übrigen Sonnen Untergang sich hebenden waldigen Bergen, fast bis zum fernen Spandau, dessen spitziger Kirchturm sich undeutlich blicken läßt, wol eine der stillschönsten Gegenden weit und breit. Um die Gräber stehen etwa zwanzig hohe Pappeln, aber bis auf eine fand ich alle verdorrt; dies rührt nun vom sandigen Boden her, worin sie schwerer gedeihen ; ich und Wilhelm nahmen mehre der vertrockneten Stämme weg und pflanzten neue dahin, und zwar so eifrig, als ob uns jemand daran zu stören kommen würde, und verbanden alle miteinander, so daß nach Kurzem die Bäumchen ordentlich einen Kranz bildeten und sich die Hände reichten.“

Bis hierhin ist der Brief bekannt. Es folgt aber noch ein bislang nicht publizierter Abspann, in dem Ferdinand die berührende Grabpflege seines verehrten Heinrich von Kleist mit der eigenen Misere kunstvoll verbindet, indem er den „unglücksbringenden Monat“ mit dem Anblick einer schwarzen Wolke verknüpft:

„Dieser Monat ist doch ein recht unglücksbringender Monat. Gestern morgen hatte ich am Fenster (…) einen eigenen Anblick. Der ganze Himmel war blau und wehte kein Lüftchen, da hob sich in einer Entfernung über den Häusern eine ungeheure schwarze Wolke leise empor und hing still und unbeweglich wie ein dichter Schleier vor dem schönen Blau, bis endlich die Hitze der brennenden Häuser sie zerteilte. Es brannten nämlich vor dem Thore einige Häuser ab.

Lebt wohl und schreibt bald an euren treuen Bruder Ferdinand“

Postscriptum: Kleists Hinterlassene Schriften von 1821 bekam ich geschenkt. Von meinem Kompagnon Hans Sarkowicz.«

– Heiner Boehncke

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Buch zur News:

Heiner Boehncke, Hans Sarkowicz

Der fremde Ferdinand

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Der fremde Ferdinand
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