09. Januar 2020

Zum Tod von Wilfried F. Schoeller hat Heiner Boehncke uns seinen Nachruf geschickt:

Wilfried Schoeller, B. Traven und ich. Eine schöne Erinnerung aus sehr traurigem Anlass:


1988 kam ich zum Hessischen Rundfunk. Ich hatte mich für eine Stelle beworben, die mit Leiter der Publizstik ausgeschrieben war. Heute würde man sagen: Öffentlichkeitsarbeit. Plötzlich war ich für die legendären Plakate von Gunther Kieser und Gunter Rambow verantwortlich, aber auch für Programmbroschüren und Marketingmaßnahmen.
Eigentlich wollte ich zur Literatur. Dafür war der HR bekannt, wenn nicht berühmt. Das lag vor allem an zwei Herren und einer Dame: an Karl Corino und Rosemarie Altenhofer im Radio und Wilfried. F. Schoeller im Fernsehen.
Nach einiger Zeit durfte ich sozusagen nebenberuflich für die Radioliteratur arbeiten. Im Café sah ich die Leute von der Fernsehkultur an mir vorbei ins gepflegte hr-Restaurant gehen, um an ihrem Stammtisch zu tafeln, Kennerwein zu trinken und manchmal eine Zigarre zu rauchen. Von denen wäre ich auch gern einer gewesen.
Eines Tages sprach mich Wilfried an und meinte: “Wir müssen reden.“ Nichts lieber als das. „Sie sind doch für die Ausstellungen in der Goldhalle zuständig“. Damit war das opulente Foyer im Hauptgebäude gemeint. Ende der vierziger Jahre als Lobby für den geplanten Parlamentssaal gebaut, der heute als wunderbarer Konzertsaal dient. Frankfurt wollte und sollte Bundehauptstadt werden, wurde es aber nicht, weil Adenauer und ein paar wenige Getreue unbedingt in Bonn bleiben wollten.
Das Reden wurde dann schnell zum Vorgespräch für eine von Wilfried geplante große Heinrich-Mann-Ausstellung. Parallel zu einer Sendereihe, ein Katalogbuch war angeblich so gut wie fertig.
Damals, Ende der achtziger Jahre, gab es im Hessischen Rundfunk diverse Werkstätten, in denen unglaublich geschickte Handwerker Kulissen bauten oder die Figuren für die Augsburger Puppenkiste, die eigentlich eine Frankfurter Puppenkiste war.
Die entsprechenden Gewerke waren rasch einverstanden. Tischler, Dekorateure, Tiefzieher, Bildhauer. Die kannten zwar „nur“ Thomas Mann, waren aber auf Heinrich neugierig. In kürzest denkbarer Zeit war die formidable Ausstellung fertig. Wilfried hatte alles herbeigezaubert. Die Ausstellung wanderte nach Bremen und andere Orte. Ich war nun ein bisschen auch beim Fernsehen und es folgten weitere Ausstellungen: Alfred Döblin, Uwe Johnson und andere. Wilfrieds Literaturausstellungen wurden zu einem „Alleinstellungsmerkmerkmal“ des Hessischen Rundfunks und Wilfried zu einem hervorragenden und gefragten Ausstellungsmacher. Manchmal aß ich dann auch mit den Fernsehleuten im hr-Restaurant, verzichtete aber auf die Zigarre, weil ich husten musste. Mit den Ausstellungen bekam unsere sich anbahnende Freundschaft eine solide Basis. Einmal kamen wir auf B. Traven zu sprechen. Ich war elektrisiert. Zwei Traven-Maniacs hatten sich gefunden. 1976 war bei Rowohlt unser B.Traven Buch (HB gemeinsam mit Johannes Beck und Klaus Bergmann) erschienen. Ich hätte um ein Haar mein Leben geändert, weil ich in Köln eine Frau getroffen hatte, die glaubhaft versicherte, dass sie in den zwanziger Jahren mit Traven verheiratet war. Ich glaube es bis heute. Ich wollte mehr oder weniger sofort nach Mexiko fahren, um dort einer von vielen Travenrechercheuren zu werden, die das Rätsel seines Lebens zu lösen gedachten. Einer von ihnen ist in den Anden tödlich verunglückt, ein anderer hat im Gefängnis gesessen, unglücklich waren oder wurden sie alle. Ich rief Heinrich Maria Rowohlt-Ledig an und erzählte ihm von meiner Entdeckung. „Fahren sie los, junger Mann, der Verlag zahlt alles, wenn Sie etwas Substantielles herausfinden. Und Sie schreiben natürlich darüber in unserem Verlag ein Buch!“ Wilfried hatte in Mexiko einen Film über Traven für das hessische Fernsehen gedreht und alles gesehen, erkundet, bedacht, wovon ich nur geträumt hatte. Diesen Vorsprung haben dann Christine und ich ein paar Jahre später bei einer Rucksackreise durch Mexiko einzuholen versucht.
Nach dem Schock angesichts von Travens früher Ehefrau fuhr ich aber nicht los, verunglückte nicht in den Anden und kam auch nicht in den Knast. Aber ich sprach zehn Jahre später mit Wilfried Schoeller über Traven und er hatte eine sehr dezidierte und tiefsinnige Meinung zu dem heute fast vergessenen Anarchisten und Bestsellerautor. Über Traven kamen wir in ein Gespräch, das dann bis zu seinem Tod immer wieder fortgesetzt wurde. Auch in der Jury des Rheingau Literatur Preises, der er über zehn Jahre angehörte.
Über Traven wurde ich dann bei ihm auch zum Essen eingeladen, das er mit großer Kunst und Leidenschaft kochte. Von Wein verstand er auch verdammt viel. Übrigens hatte er einige Zeit lang eine Kochsendung, für die ich im Frankfurter Restaurant Gargantua einmal üppig tafeln durfte.

Für all dies danke ich Dir, lieber Wilfried von Herzen.
 

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