23. November 2016

Blick hinter die Kulissen: Die Gestalterin Paulina Pysz über ihre Arbeit an Georg Forsters "Ansichten vom Niederrhein"

Paulina Pysz hat den prächtig ausgestatteten Folioband gestaltet - bereits ihr zweites Werk aus der Anderen Bibliothek, auch "Von Aleppo nach Paris" hatte sie betreut und viel Lob dafür bekommen. Im folgenden Text erläutert sie uns, wieso sie für die "Ansichten vom Niederrhein" die Schrifttype Prillwitz gewählt hat und weitere Überlegungen:

 

"Als Georg Forster im Jahre 1790 zu seiner Reise durch den Niederrhein, Brabant und Flandern antrat, brachte zeitgleich der damals noch unbekannte Jenaer Schriftgießer Johann Carl Ludwig Prillwitz die erste deutsche klassizistische Antiqua heraus. Dieser bedeutende Aufwand war insofern ein Wagnis, da hierzulande die Fraktur verwendet wurde. Jedoch weckte die Begeisterung der Zeitgenossen Goethes für Aufklärung und die Französische Revolution sowie die Beschäftigung der Gelehrten mit der römisch-griechischen Antike ein Interesse an französischen Werken, die in der Antiqua gedruckt waren.
Auch die deutschen Stempelschneider fanden Gefallen an der seit Mitte des 18. Jahrhunderts aus Italien (Bodoni, 1760) und Frankreich (Fournier, ca. 1742 und Didot, 1783) kommenden klassizistischen Schriften und griffen den Enthusiasmus für die Formprinzipien der griechisch-römischen Antike auf.
Die streng lineare Ausrichtung der starken Grundstriche im Kontrast zu den feinen Haarlinien, ihre feinen lange Serifen, die präzis senkrechte Achse der runden Buchstabenformen verleihen den klassizistischen Antiqua-Schriften eine statische Ruhe und Vornehmheit.

Prillwitz nahm sich des Regular- und Kursiv-Schnittes nach Vorbild der französischen Didot an, die von ihm zunächst als Didotsche Lettern bezeichnet wurden.
Der Leipziger Verleger Göschen war so sehr angetan, dass er sämtliche Werke von Wieland in ihr setzen ließ. Auch die Allgemeine Literaturzeitung mit Autoren wie Goethe, Schiller, Kant, Fichte und Humboldt wurde mit seinen Lettern ausgestattet – sie galt damals als auflagestärkste Zeitung ihrer Art.

Trotz allem konnten sich die klassizistischen Antiqua-Schriften seinerzeit nicht durchsetzen, da durch den Einzug Napoleons das Interesse an den mit Frankreich verknüpften Schriften abrupt abflaute.
Heutzutage gilt fälschlicherweise die Walbaum als erste klassizistische Antiqua aus Deutschland, allerdings war die Prillwitz ca. 10 Jahre älter als diese und es ist anzunehmen, dass sie dem maßgeblichen Erfolg der Walbaum erst den Weg bereitet hatte.

Die Zweiteilung auf dem Buchcover nimmt die Thematik der Abbildungen anhand von zeitgenössischen Kupferstichen und Gemälden, wie hier eine Ansicht von Bingen und La Liberté guidant le peuple von Delacroix, vorweg. Ebenso lehnt sich die Typografie durch gesperrte Versalien, Größenunterschiede zur Auszeichnung oder dem Axialsatz an historische Publikationen an.

Vielleicht kann man sogar behaupten, dass die Prillwitz seinerzeit in der Schriftkultur gewagtes Neuland betreten hat und insofern Georg Forsters revolutionären, aufklärerischen Ansichten gar nicht so fern war."
 

 

Wir danken Paulina Pysz (Foto © Pawel Pysz) für den herrlichen Band!

 

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