14. Juni 2022 09:30 Uhr

Blick hinter die Kulissen: Katrin Schacke über ihre Arbeit an Unser Rousseau von Sabine Appel

„Jean-Jacques Rousseau war vieles: ein Philosoph und ein Antiphilosoph, ein vorrevolutionärer politischer Theoretiker, ein Komponist, Romancier und Theaterautor, ein träumender Spaziergänger, ein Autodidakt, ein Abenteurer und ein Verfolgter. Er war ein maßgeblicher Stichwortgeber seiner Epoche, der Zivilisationskritiker seiner Tage.“

Mit diesen Worten beginnt das Verlagsexposé zum Inhalt des Buches, das die Grundlage der Buchgestaltung für »Unser Rousseau« darstellte. 

Liest man sich in Rousseaus Weltsicht ein, so wird schnell dessen starke Verbundenheit zur Natur offensichtlich. Ausdruck dieser intensiven Naturliebe war neben seiner persönlichen Wanderlust, dem geliebten Studium der Botanik und der Sehnsucht nach der Einsamkeit des Waldes, dessen Plädoyer „Sei Teil der Natur“: In seinen Augen fand idealerweise nicht nur die Erziehung des Menschen nach Prinzipien der freien Selbstentfaltung, sondern auch dessen komplettes Leben in freier Natur statt. Als Befürworter der Rückkehr zur Einfachheit, zum ursprünglichen und freien Leben sah er den Menschen im Allgemeinen als ein „von Natur aus wildes und freies Individuum“, in seinem „Naturzustand“ unabhängig und gut, dem Tier ganz ähnlich. Dagegen hinterfragte und kritisierte er die westliche Welt mit ihrem stetigen Drang nach Fortschritt. Es blieb nicht bei der kritischen Betrachtung: Vergesellschaftung, Zivilisation und Kultur schlechthin lehnte er bald gänzlich ab.


Foto: BANK™

Die Konfrontation beider Pole – „Natur“ gegen „Fortschritt“ (und damit einhergehend Kultur, Zivilisation und Vergesellschaftung) – thematisiert das Covermotiv auf der Schlaufe. Zwei Kupferstiche – ein grafisch reizvoller, wilder und ursprünglicher Wald einerseits und die Wiener Gesellschaft um 1719 andererseits – stehen sich diametral gegenüber und symbolisieren in ihrer kontrastreichen Zweifarbigkeit Rousseaus inneren Konflikt zwischen eigener Überzeugung und den Thesen seiner Zeitgenossen. Die Diskrepanz und die Unvereinbarkeit beider Positionen kommen hier zum Ausdruck. Die monumentale Typografie des Buchtitels in weiß bietet den größtmöglichen Kontrast zum vielschichtigen Geschehen des Hintergrunds und stellt dann doch eine Verbindung her: Naturmotiv und Schriftzug sind ineinander verschlungen, Lianen ranken sich durch die Typografie des Buchtitels, und visualisieren so die enge Verbindung von Mensch und Natur, welche Rousseau stets ein zentrales Anliegen war.


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Die Farbgebung in kraftvollem Königsblau und blassen Mintgrün, ebenfalls inhaltlich inspiriert, zieht sich als reduziertes, dreifarbiges Farbkonzept durch das Buch. Während der Lesetext in Schwarz gehalten wird, ist Blau die durchgehende Auszeichnungsfarbe. Sie findet auf dem Bucheinband und allen Kapitelauftaktseiten, sowie in den Kolumnentiteln, Fußnoten, Seitenzahlen, auch im Inhaltsverzeichnis und im Anhang Verwendung. Das helle Türkis trifft auf Vor- und Nachsatz noch einmal den Urwald.


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Inhaltlich bedeutende Abbildungen werden in diesem Band nicht wie üblich dem Text begleitend zur Seite gestellt, sondern bereichern hier jeweils eine der zehn typografischen Kapiteleinstiegsseiten. Die Stiche und Gemälde stehen als monochrome Abbildungen den Wortbildern der Headlines zur Seite und führen das Gestaltungselement des Covers – das Verweben von Typografie und Abbildung – fort. Die Trennseiten gliedern das Buch in seine einzelnen Kapitel und tragen zu einer abwechslungsreichen Buchgestaltung bei. Gleichzeitig verleiht der konsequente Aufbau der Doppelseiten von jeweils blauer, linker Seite neben weißer, rechter Seite dem Buch eine klare, sachliche Struktur.


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Die großen Versalien der Kapitelauftakte sind in der klassizistischen Antiqua Didot gesetzt. Kombiniert wird diese mit der frischen Groteskschrift Lelo, die in allen ergänzenden Texten, wie Headlines, Fußnoten, den gestürzten Seitenzahlen und Kolumnentiteln, etc. eingesetzt wird. Der Fließtext selbst ist in der hervorragend lesbaren Serifenschrift Rosart gesetzt. Beide Schriften stammen von Katharina Köhler.
 

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Katrin Schacke arbeitet als selbstständige Gestalterin in Offenbach am Main, mit den Schwerpunkten Buchgestaltung, Grafikdesign und Fotografie. Das Buch »Unser Rousseau« wurde als eines der »Schönsten Deutschen Bücher 2022« prämiert.
 

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