22. November 2021 14:30 Uhr

Blick hinter die Kulissen: Jenna Gesse über ihre Arbeit an Der Geldverleiher von Catherine Gore

Ein »wiederentdecktes Typoskript«. Bei diesem Stichwort schlug mein Herz höher, als ich die Anfrage erhielt, den Roman Der Geldverleiher zu gestalten. Rund 180 Jahre nach der Entstehung veröffentlicht Die Andere Bibliothek erstmals Catherine Gores Werk in der Übersetzung von Theodor Fontane. Wie es dazu kommt, wie und wo das Typoskript gefunden wurde, beschreibt Iwan-Michelangelo D’Aprile in seinem aufschlussreichen Vorwort.
 

Logo der Agentur Perris & Cazenove, Briefwechsel und Manuskript des Buches Der Geldverleiher im Theodor-Fontane-Archiv
 
Als The Money-Lender im Jahr 1842 erstmals als Fortsetzungsroman erscheint, arbeitet Fontane – bereits voller Begeisterung für Literatur und die englische Sprache – als Apothekergehilfe in Leipzig und Dresden. Catherine Gore hingegen gehört bereits zu den meistgelesenen englischen Schriftstellerinnen. Ihre »Silver Fork Novels« spielen größtenteils in der Londoner High Society der 1820er Jahre, die nach dem Sieg über das napoleonische Frankreich im Rausch von Luxus, Konsum, Spiel und Verschwendung schwelgt. Im Fall von Der Geldverleiher stellt sich laut Verlags-Exposee schnell heraus, dass »dies alles auf Pump finanziert ist und praktisch das ganze ›bessere‹ London bis in die höchsten Adelskreise bei einem mysteriösen A.O., der Titelfigur des Romans, hoch verschuldet ist«.
 

Bildersammlung zur Gestaltung des Bandes
 
Zeitgleich mit dieser Kurzzusammenfassung erhielt ich zu Beginn des Gestaltungsprozesses eine Bildersammlung. Dabei handelte es sich hauptsächlich um Gemälde, die Motive der 1820er darstellten: Londoner Straßenszenen, Bildnisse von Bankiers, das bunte Treiben in britischen Salons und Ballsälen. Diese Abbildungen gaben mir einen weiteren Einblick in die Mode, den Gestus und auch die Schriften aus dieser Zeit. »A London Street Scene« von John Parry inspirierte mich bei der Suche nach einer schmalen, dramatischen Serifenschrift, deren moderne Interpretation ich in der Unicorn von David Matos fand. In der Werbeanzeige eines Londoner Schneiders von 1829 erschien mir eine Gesprächssituation sehr passend zum Titel Der Geldverleiher. Ich fertigte daraus einen Scherenschnitt für die Coverentwürfe. Aus anderen Abbildungen entnahm ich Details für die Umschlaggestaltung. Auch Geldscheine – British Pounds, of course – zog ich als Element in Betracht.


Entwicklung vom Bild zum Coverentwurf, © Jenna Gesse
 
Auf meine Bitte, den gesamten Text »zum Reinlesen« zu bekommen, erhielt ich das gescannte Schreibmaschinen-Manuskript aus dem Fontane-Archiv. Eine visuelle Freude, die ich ebenso als Bildidee in die Coverentwürfe einfließen ließ. Zur Farbwahl wurde ich durch das Lesen des ersten Kapitels inspiriert, in dem die Zeit und die Gesellschaft sehr drastisch geschildert werden: »In solcher Zeit wird die Seele rücksichtslos […] ein Zustand gefährlicher Reizbarkeit […] der ruhlose Schlummer […] ein Fieber pflegen …« Etwas reizt, etwas brodelt unter der Oberfläche. Diese toxische Komponente sollte als Neonton oder Komplementärkontrast in die Covergestaltung einfließen.


Coverentwürfe, © Jenna Gesse
 
Bei der Covermotiv-Wahl machte das Ölgemälde »Waiting for the Times« von Benjamin Robert Haydon das Rennen. Die auf eine Zweifarbigkeit reduzierte Version der Abbildung wird eingefasst durch den groß gesetzten Titel, der das gesamte Format der Buchschlaufe ausfüllt, es nach oben und unten sogar sprengt. Nachdem dieser Entwurf feststand, fertigte ich Varianten für den Bucheinband an. Hier entschieden wir uns dafür, das Blau des Covermotivs als Buchleinen aufzugreifen und den Titel als Blindprägung zu wiederholen. Das Türkis der Buchschlaufe und des Vorsatzpapiers zieht sich als Sonderfarbe durch den Innenteil des Buchs.


Entwürfe für den Bucheinband, © Jenna Gesse
 
Die Sprache dieses viktorianischen Romans ist aus heutiger Sicht so besonders und begeisterte mich so sehr, dass ich jedem Kapitel eine typografische Trennseite vorweg stellte: eine vollflächig farbige Seite, mit einem Zitat aus dem jeweiligen Kapitel. Die Schriftgröße und -anordnung orientieren sich dabei an der Covergestaltung. Durch den Anschnitt der Schrift entsteht am Kopf- und Fußschnitt des Buchs ein feines, unruhiges Muster.


Foto: BANK™
 
Der massiven Titelschrift stellte ich die Franziska von Jakob Runge als Fließtextschrift zur Seite – eine sehr gut lesbare Serifenschrift, deren charaktervolles Schriftbild mit der Mischung von Antiqua- und Egyptienne-Formen spielt. Einige Elemente, wie etwa der Name der Autorin auf dem Titel, sind in der Groteskschrift Fabrikat von Christoph Koeberlin gesetzt, die einen deutlichen Kontrast zur Unicorn bildet. 
 
Auf 468 Seiten porträtiert Catherine Gore in Der Geldverleiher die damalige englische Gesellschafts- und Finanzwelt und »demaskiert eine Epoche voller Standesdünkel und antijüdischer Vorurteile« – so der Klappentext des Verlags. Ein klassischer, luftiger Satzspiegel unterstützt alle Leserinnen und Leser bei dieser Reise durch die 1820er Jahre.
 
Jenna Gesse arbeitet als selbständige Gestalterin und Texterin in Berlin, mit den Schwerpunkten Typografie und Buchgestaltung.
 


Foto: BANK™
 

Foto: BANK™

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Buch zur Buchkunst:

Catherine Gore

Der Geldverleiher

Ein verblüffender Fund: Fontanes Übersetzung zeigt den werdenden Romancier.
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Der Geldverleiher
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