12. Oktober 2021 14:00 Uhr

Blick hinter die Kulissen: Christine Gundelach über ihre Arbeit an Die Nacht des Dr. Herzfeld & Schnee von Georg Hermann

Ein wiederentdeckter und -aufgelegter Doppelroman von vor einhundert Jahren aus dem bürgerlichen Berlin. Eine Zeitreise. Begonnen habe ich nach der einstimmenden Lektüre mit der Betrachtung von früheren Einbandgestaltungen älterer Ausgaben von Georg Hermann. Einige arbeiteten komplett typografisch, manche mit Fotografien eines stark beschnittenen Portraits, einer Parkbank oder Stadtansichten. Mir wurde schnell klar, dass es etwas profilierter und atmosphärisch aufgeladener sein musste. Ich wollte mich dafür in diese Zeit begeben, als Dr. Herzfeld lebte, und seine von ihm tagtäglich besuchten Orte aufspüren. In das Berlin unmittelbar vor und nach dem Ersten Weltkrieg.
 


Foto: Christine Gundelach, editienne

Für diesen Doppel-Romanband, welche beide im Berlin der 1910er- und 20er-Jahre spielen, bin ich abgetaucht in eine Bildrecherche und habe mir zahlreiche Fotografien, Malereien und Zeichnungen angeschaut, die ich in alten Büchern, Zeitschriften und Bildarchiven aufstöberte. Dabei stellte ich mir immer wieder Leitfragen, die die Auswahl aus der Bilderflut erleichterten. Ist das Dr. Herzfeld? Könnte er dort in diesem Straßen-Café sitzen? Neben ihm sein Freund Hermann Gutzeit? Das könnte doch sein Wohnzimmer gewesen sein. An dem Tisch hat er bestimmt immer seinen Hut abgelegt. Oder diese Straße befand sich in seinem Kiez.

Hans Baluscheks Berlinmotive oder auch Lesser Urys »Rauchender Mann im Cafe« hätten die Stimmung und das Zeitcolorit schon ganz gut eingefangen. Die damalige Kunst- und Kulturzeitschrift »Der Sturm«, die Georg Hermann bestimmt kannte und dessen Leser er sicherlich war, inspirierte mich zunächst zu einer expressionistischen Zeichnung mit collagenhaft angeordneten Elementen dieser Zeit. Auch eine figurative Portraitzeichnung von einem sich auflösenden Dr. Herzfeld probierte ich aus. Doch die unmittelbare Umgebung unserer Protagonisten durch eine alte Postkarte vom Berliner Ku’Damm dargestellt, hat am besten das Flair dieser Zeit und dieses Ortes einfangen.


Foto: Christine Gundelach, editienne

Die Postkarte zeigt den republikweit bekannten Kurfürstendamm mit Blick auf die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche um 1910 herum. Damals war die Kirche noch unversehrt. Erst im Zweiten Weltkrieg erlangte sie ihr ruinenhaftes, gegenwärtiges Antlitz. Die dynamische Bilddiagonale durch die gewählte Perspektive der Straßenflucht erzeugte eine anziehende Bildtiefe.

Doch eine rein historische schwarz-weiße Aufnahme genügte als alleinige Symbolkraft nicht aus, für die beiden Bücher zu stehen. Ich wollte erreichen, die aufkeimende, zerstörerische Kraft dieser Zeit mit der Technik der Bildmanipulation einzufangen, indem ich das Bild etwas destruierte und aufsplitterte. Wiederholende, leicht verschobene, verfärbte Fragmente desselben Bildes schafften Spannung, zudem ein schemenhafter Strahlenkranz am Horizont im Zusammenspiel mit dem leuchtenden orange-pinken Pantoneton erzeugten eine mahnende Untergangsstimmung. In der Innengestaltung werden die zersplitternden Fragmente auf den Trennerseiten wieder aufgegriffen.
 

Foto: BANK™, Berlin

Für die Einpassung in das Hochformat des Buches habe ich den Himmel nach oben hin erweitert. Hier entstand eine spannende Textur, die sich partiell und invers eingefärbt auf dem Bucheinband wiederfindet. Auf dem Einband bekommt der Strahlenkranz eine stärkere Funktion: bei wegfallender Fotografie zeigt sich deutlich die Skyline des Ku’Damms. Dieser konstruierte, grafisch-geradlinige Strahlenlook erzeugt einen starken Kontrast zur Buchschlaufengestaltung. Und Kontraste sind ja immer gut für eine anziehende Spannung.
 

Foto: BANK™, Berlin


Nachdem der Band aus der Buchschlaufe gezogen und der Deckel aufgeschlagen ist, bekommt die Betrachter:in und Leser:in auf dem Vorsatzpapier einmal den ungestörten Blick auf das Straßenmotiv der ursprünglichen Postkarte. Leichte Unschärfe der Motivik sind dem Alter der Reprografie geschuldet, doch unterstreichen sie den historischen Bezug. Die orange-pinke Sonderfarbe sowie weitere historische Bilder dieser Zeit kommen ebenso auf den Innenseiten strukturierend zum Einsatz.

Für die passende Typografie zu dem Band wollte ich auch den Kontrast zwischen Alt und Neu finden. So habe ich Schriften gesucht, die sich klar auf historische Schriften beziehen, doch erst relativ neu mit zeitgenössischen Finessen geschnitten wurden. Entschieden habe ich mich für die in den Titeln verwendete Nocturne, kombiniert mit der Kitsch für den Fließtext. Die Nocturne wurde laut dem Warschauer Schriftendesigner Mateusz Machalski durch Schriftzüge auf alten Steintafeln inspiriert, die an die Opfer des Zweiten Weltkriegs erinnern. Eine Textschrift, die sich durch klare geometrische Formen und hohen Kontrast auszeichnet und einen modernistischen Charakter hat. Die Kitsch, entworfen von Francesco Canovaro (mit Unterstützung von Andrea Tartarelli und Maria Chiara Fantini), an der Schnittstelle zwischen klassischer lateinischer und mittelalterlicher gotischer Schrift, bekommt in der fein abgestimmten, kleineren Textversion eine dynamische Ausdruckskraft der kalligrafischen Breitfeder und erhält einen zeitgemäßen, gut lesbaren Duktus.
 

Foto: BANK™, Berlin

 
Christine Gundelach gründete 2017 ihre eigene Agentur Editienne und hat sich auf Editorial Design und Buchgestaltung spezialisiert.
 

 

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