02. August 2021 11:30 Uhr

Blick hinter die Kulissen: Anja Sicka und Claudia Schenk über ihre Arbeit an Die Erkundung von Selborne durch Reverend Gilbert White

Die Erkundung von Selborne von Reverend Gilbert White ist eines der meistaufgelegten Bücher Englands. Über 300 verschiedene Ausgaben wurden bereits veröffentlicht. Nun erscheint der Text erstmals auf Deutsch. „No pressure", kommentierte meine Kollegin in London, als ich ihr von dem Auftrag erzählte, den Band für die Andere Bibliothek zu gestalten.

 
Es lag nahe, sich ein paar der bereits erschienen Ausgaben anzusehen. Wir fanden viel, online und antiquarisch, und machten dabei einen Streifzug durch die englische Buchgestaltung der letzten Jahrhunderte.
 
Vor allem aber war es das Originalmanuskript selbst, das unsere Aufmerksamkeit auf sich zog. Das Gilbert White Museum in Selborne, in dessen Besitz sich das Manuskript seit 1980 befindet, hat es vor Ort und auf seiner Website der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das gesamte Buch ist in Originalform einsehbar, wodurch auch der Schreibprozess Whites und seine Arbeit an den zumeist in Briefform verfassten Texten nachvollziehbar wird. Ergänzungen und Korrekturen, Unterstreichungen, Textumstellungen sowie die Veränderung seiner Handschrift im Laufe der Zeit kann man hier entdecken. Das Buch erschien drei Jahre vor Whites Tod in gedruckter Form, veröffentlicht von seinem Bruder Benjamin White in London.
 
Foto: Anja Sicka, trockenbrot
 
Die Arbeit an diesem Buch stellte uns vor viele Aufgaben, die wir versuchten, mit gestalterischen und typographischen Mitteln zu lösen. 
 
Zunächst war da der historische Text selbst, der mit seinen verschiedenen Elementen, den enthaltenen Gedichten und Zitaten (oft zweisprachig in Latein, mal den Texten als Motto vorangestellt oder in die Briefe eingestreut), griechischen Bezeichnungen, Tabellen und Listen, und nicht zuletzt den Anmerkungen (die für diese Ausgabe in Fußnoten und Endnoten aufgeteilt wurden), umfangreiche Anforderungen an Schriftwahl und Mikrotypographie stellte.
 
Schriftgeschichtlich wollten wir uns an der Zeit der Originalausgabe orientieren. Baskerville als typische englische Übergangsschrift der Epoche lag nahe, war aber für unsere Zwecke etwas zu klassisch und breitlaufend. Wir entschieden uns für die Questa, eine moderne Interpretation der Didone-Schriften von Jos Buivenga und Martin Majoor, die mit ihrer hohen x-Höhe bestens zum langgezogenen Format der Anderen Bibliothek passt und sich gut in unserem Satzspiegel einfügte.
 
Um die Strenge der Questa etwas aufzulockern, führten wir für die Überschriften der Briefe und die Pagina eine zweite Antiqua-Schrift ein, die Calendas Plus. Mit ihrer verspielten Formsprache, geschwungenen Mediävelziffern und gut ausgebauten Glyphen (auf die Spitze getrieben durch unsere zusätzliche Modifizierung des Buchstabens R auf der Buchschlaufe) verweist sie auf die Handschriftlichkeit des Originaltextes und fügt sich organisch ins Gesamtbild ein.
 
Foto: BANK™
 
Außerdem verwendeten wir die Groteskschrift Bariol für erklärende Textelemente wie Bildunterschriften, Quellenangaben und die Auszeichnung von Fuß- und Endnoten sowie für Überschriften in Vorwort und Anhang. Der Light-Schnitt, sowohl in Versalien als auch groß und klein gesetzt, bringt eine moderne Note in die Gestaltung. Beide Schriften sind von Raúl García del Pomar und Ismael González der Atipo Type Foundry in Gijón, Spanien, entworfen worden.
 
Hilfreich war in diesem Zusammenhang auch die Verwendung einer Sonderfarbe, die wir nutzten, um Haupt- und Zusatztexte farblich voneinander abzugrenzen und um die Struktur des Buches deutlich zu machen. Denn auch der Aufbau des Buches und seine vielen Bestandteile hatten es in sich.
 
Wir erarbeiteten ein typographisches Konzept, das einerseits zurückhaltend wirkt und den Lesefluss des historischen Textes unterstützt, andererseits variabel genug ist, um Bilder und Fußnoten in einen interessanten und rhythmischen Zusammenhang mit dem Fließtext zu stellen. 
 
Foto: Anja Sicka, trockenbrot
 
Das erfolgte unter anderem durch eine fixe Zeilenanzahl beim Haupttext und einen flatternden Fuß für die Fußnoten. Die vierfarbigen Abbildungen, die im oberen Teil der Seite positioniert wurden, sowie der lebende Kolumnentitel am Fuß der Seite, stabilisieren das Layout horizontal. 
Der starke Einzug am Briefanfang, der unter anderem von Bildunterschriften und Fußnoten aufgegriffen wird, bringt auf vertikaler Ebene Ruhe ins Layout. Die vielen typografischen Elemente des Buches werden so klar voneinander getrennt und erhalten ihre eigene Identität.
 
Foto: Anja Sicka, trockenbrot 
 
Die meisten der Originalillustrationen von W. Grimm erscheinen im Vorwort und im Essay von Virginia Woolf am Ende des Buches. Die Tierabbildungen sind inhaltlich den einzelnen Briefen zugeordnet und variieren in der Größe ihrer Darstellung.
Ausschnitte aus Gilbert Whites handschriftlich verfassten Manuskript nutzten wir als ganzseitige Abbildungen, um die vielen unterschiedlichen Teile des Buches zu gliedern und miteinander in Verbindung zu setzen. Auf diese Weise konnten wir der deutschen Ausgabe die Ästhetik des englischen historischen Originals mitgeben und an einigen Stellen die Texte miteinander in Beziehung stellen. 
 
Auch vollflächig bedruckte Seiten in der Sonderfarbe verwendeten wir als optische Trennblätter, um die Gliederung des Buches zu betonen.
 
Weiterhin richteten wir Überschriften und Kolumnentitel im Vorwort zentriert aus, ebenso bei den Kapiteln Anmerkungen, Essay, Zeitleiste, Personenverzeichnis, Editorische Notiz, Danksagung und Abbildungsnachweis. 
Die Briefe hingegen werden von dem starkem linken Erstzeileneinzug dominiert, an dem sich weitere Textelemente wie Überschriften, Fußnoten, Bildunterschriften und der Kolumnentitel orientieren. 
 
Foto: BANK™
 
Selborne diente Gilbert White als Ausgangspunkt seiner Beobachtungen und war das Zentrum seiner Welt. Der Umschlag sollte diese spezifische örtliche Situation widerspiegeln und gleichzeitig Lust machen auf die vielen farbigen Illustrationen im Innenteil des Buches. 
So entstand eine Schlaufe, auf der freigestellte Tier- und Pflanzenmotive sowie eine historische Landschaftsdarstellung Selbornes als Collage miteinander kombiniert wurden. Die im Buch verwendeten Schriften werden eingeführt und im Innentitel wiederholt.
 
Auch die Wiederholung des Landschaftsmotivs der Schlaufe auf dem Einband lag nahe, es führt den Leser sowohl in den historischen als auch in den geografischen Kontext ein und begleitet ihn während des Lesens. Wir halten in den Händen, worum es geht. 
 
Foto: Anja Sicka, trockenbrot
 
Foto: BANK™
 
Mit unserer Ausgabe fügen wir eine weitere Interpretation des Textes hinzu, reihen uns in die Rezeption ein und hoffen auf Bestand. "Time will tell..."
 
 
Anja Sicka und Claudia Schenk gestalten seit 2000 gemeinsam in ihrer Agentur trockenbrot Bücher und andere Druckwerke für Kund:innen in London, Hamburg, Berlin und anderen Städten. Sie haben für ihre Arbeit bereits diverse Preise erhalten.
 
Claudia Schenk besuchte im Vorfeld zur Recherche das Gilbert White Museum in Selborne und hat einige Eindrücke für uns festgehalten.
 
Das Gilbert White Museum in Selborne, Foto: Claudia Schenk, trockenbrot
 
Manuskriptauszüge im Gilbert White Museum, Foto: Claudia Schenk, trockenbrot
 
Claudia Schenk im Gespräch mit Rev. White, Foto: Claudia Schenk, trockenbrot
 
 

 

 

 

 

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