09. Juni 2021 11:00 Uhr

Blick hinter die Kulissen: Léon Giogoli über seine Arbeit an Venedig von Philippe Monnier

Venedig. Im achtzehnten Jahrhundert wurde 1907 von Philippe Monnier geschrieben und ist das, was wir heute wohl »Kultur- und Sozialgeschichte« nennen. In 14 Kapiteln, ergänzt durch einen umfangreichen Anmerkungsteil und ein Glossar, schildert Monnier auf feinsinnige und kenntnisreiche Weise Lebensgefühl und Geschichte dieser besonderen Stadt.

 
Der Text Monniers sollte wie in der deutschen Erstauflage von 1928 von zahlreichen Abbildungen begleitet werden. Deshalb gab es von Anfang an die Idee, auch auf dem Cover mit einem ansprechenden, lebendigen Bildmotiv zu arbeiten, welches in die Thematik des Buches einführt.
 
Die Herausforderung bei der Gestaltung der Buchschlaufe bestand also zunächst darin, ein Bildmotiv zu finden, welches Venedig zweifelsfrei erkennen lässt und aus dem beschriebenen Jahrhundert stammt, ohne dabei aber wie ein Reiseführer anzumuten oder zu klischeehaft zu wirken. Fotografie gab es zu dieser Zeit noch nicht und bekannte Bildwerke aus früheren Jahrhunderten wurden folglich ebenfalls ausgeschlossen.
 
Monnier beschreibt im Buch eine Stadt voller Musik und Malerei, voller rauschender Feste, Freizügigkeit, Trubel und Treiben. Eine lebendige Stadt, wie eine bunte, schillernde Enklave innerhalb Italiens. Für das Cover wollte ich diese Vitalität der Stadt und deren Sogwirkung auf die Menschen aufgreifen. 
 
Die erste Bildrecherche grenzte die Motiv-Auswahl auf eine Handvoll zeitgenössische Gemälde ein. Interessant waren vor allem Gemälde, die Stadtansichten aus untypischen Standpunkten zeigen oder auf denen Personen und Feste abgebildet sind.
 
Canaletto: Die Rialto-Brücke
Giovanni Antonio Canal (Canaletto): Die Rialto-Brücke, © 2007 RMN-Grand Palais (musée du Louvre) / Franck Raux
 
Tiepolo: Die Abfahrt der Gondel
Giovanni Domenico Tiepolo: Die Abfahrt der Gondel, The Metropolitan Museum of Art, New York
 
Guardi: Il Ridotto di palazzo Dandolo a San Moise
Francesco Guardi: Das Foyer (Il Ridotto di palazzo Dandolo a San Moise), Museo Ca'Rezzonico, Venedig
 
Nach ersten Layout-Tests wurde die Thematik der Maskierung als zu allgemein verworfen. Es verfing der Ansatz von kaleidoskopartigen Spiegelungen, da Spiegelungen auf verschiedene Weise zum Inhalt zu passen scheinen und für Venedig einen weiten Interpretationsraum eröffnen: von den vordergründigen Wasserspiegelungen bis zur Stadt als gesellschaftlichem Brennglas und Spiegel. Der Kaleidoskop-Effekt ruft zudem die Assoziation des Aufeinanderstoßens und Verschmelzens verschiedener Teile hervor, von drehender Bewegung und dem Verlust des Raumgefühls ähnlich wie beim ausgelassenen Tanzen. Als Querverweis auf Venedigs Wohlstand erinnert er auch an den Schliff von Diamanten und das Changieren der für die damalige Zeit typischen üppigen Brokat-Stoffe. Daher wurden Spiegelungen über verschiedene Achsen und Winkel getestet.
 
Spiegelungen, Léon Giogoli
Auswahl von Testspiegelungen mit verschiedenen Bildmotiven. © Léon Giogoli
 
Spiegelungen, Léon Giogoli 
Auswahl von Testspiegelungen mit zwei kombinierten Bildmotiven. © Léon Giogoli
 
Für den Buchschuber habe ich mich für ein Gemälde der Rialtobrücke von Giovanni Antonio Canal, genannt Canaletto, (1697–1768) entschieden. Die berühmte Rialtobrücke und die Gondolieri lassen Venedig als Sujet sofort zweifelsfrei erkennen, jedoch wird durch die Verfremdung der Spiegelung ein klischeehafter Eindruck vermieden. Zudem wird im Zentrum ein Blick nach oben in den Himmel generiert. Damit wird die Fokussierung auf die Stadt und ihre Sogwirkung aufgegriffen, zugleich hat es etwas Sakrales und es werden Freiheit und Offenheit transportiert. Der zentrierte Satz des Haupttitels unterstreicht diese Fokussierung.
 
Foto: Bank™
 
Foto: Bank™
 
Farblich dominieren auf dem Buchschuber die für Venedig typischen Blau- und Türkistöne des Himmels und der Kanäle. Kontrastiert werden diese mit einer Typografie in tiefem Rot. Das Rot ist, ebenso wie die in Gelb gehaltenen Vor- und Nachsatzpapiere, an die Farben des Wappens der Republik Venedig angelehnt und findet sich auch bei ordnunggebenden römischen Ziffern innerhalb des Buches wieder.
 
Im Gegensatz zum Schuber ist das Motiv auf dem Buchumschlag – eine mehrfach gespiegelte Festszene – in sich geschlossener und ebenfalls rot eingefärbt. Es erinnert an besagte Brokatstoffe und die Mustertapeten in Innenräumen der Salons und verweist auf den Wohlstand aber auch auf die Intimität vieler Kreise und Veranstaltungen.
 
Basismotiv vom Muster des Buchumschlags sowie Vor- und Nachsatzpapier: Giovanni Battista Brustolon, nach Canaletto: Volksfest vor dem Dogenpalast
 
Eine Besonderheit und Herausforderung an die Gestaltung des Textes waren die Vielzahl der Anhänge im Anschluss an den Haupttext. So stellten der ausführliche Anmerkungsteil, das Glossar, das Abbildungsverzeichnis, die Bibliografie, das Nachwort und das Inhaltsverzeichnis jeweils leicht unterschiedliche Anforderungen an das Layout. Das Buch ist deshalb in drei Schriftarten gesetzt. Für den Satz war mein Ziel ein zurückhaltendes Schriftbild, zeitgenössisch, aber doch mit einer modernen Note. Der Haupttext wird von einzel- oder doppelseitigen Bildtafeln durchbrochen. Rote römische Ziffern gliedern die Kapitel jeweils auf den Aufmacherseiten in Kombination mit inhaltlichen Aufzählungen in Unterbereiche und tauchen als hängende Ordnungselemente entlang des Fließtextes wieder auf. 
 
Für den Haupttitel auf dem Schuber und als Zierschrift kommt die Schrift Butler zum Einsatz. Die extremen Proportionen und stark betonten Serifen greifen das Exzentrische und die modische Eleganz auf. Sie wird im Innenteil unter anderem für die römischen Ziffern und die Seitenzahlen verwendet.
 
Der Fließtext ist in der zeitgenössischen Serifenschrift Kings Caslon gesetzt. Wichtig war mir ein dynamischer Kursivschnitt für die zahlreichen Kursivierungen innerhalb des Textes und für die stichpunktartigen Aufzählungen des Inhalts zu Beginn der einzelnen Kapitel. Als dritte Schriftart bringt der Medium-Schnitt der serifenlosen Euclid Flex mit ihren speziellen Formen Modernität und Eigenständigkeit ins Satzbild. Sie wird subtil für ordnunggebende Elemente der Metaebene wie Endnotenzahlen, Kapitelnummerierungen, Überschriften der Anhänge und Autorennamen verwendet.
 
Foto: Bank™
 
 
Léon Giogoli ist Grafik und Motion Designer aus Berlin und gestaltet, illustriert und animiert freiberuflich für seine Kund:innen.

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Buch zur Buchkunst:

Philippe Monnier

Venedig

»Der Zweck dieses Buches ist es, die Seelenverfassung Venedigs zu studieren.«
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Venedig
44,00 EUR
04.2021
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