11. Mai 2020

Blick hinter die Kulissen: Die Gestalterin Chris Campe über ihre Arbeit an Der Berg Athos von Robert Byron.

»Der Berg Athos« ist der zweite Reisebericht des britischen Dandys Robert Byron. Byrons erstes Buch, »Europa 1925«, erschien als Band 373 in der Anderen Bibliothek und die Gestaltung des zweiten sollte dazu passen. Als Covermotiv war wieder ein buntes, historisches Reiseplakat gesetzt und auch die Ausstattung innen würde von »Europa 1925« übernommen werden. Es galt also vor allem, eine Schrift zu entwickeln, die zur Anmutung des Vorgängerbands passt.

 

Der Titel von »Europa 1925« ist in der Schrift Parisian gesetzt. Eine gute Wahl für diesen Zweck: Veröffentlicht 1928 von Morris Fuller Beton, ist sie mit ihrem starken Strichstärkenkontrast und den dekorativen Schlaufen an B und R eine der ikonischen Schriften des Art Decos. Heute kommuniziert sie deutlich: »Hier geht es um die 1920er Jahre«. Der Nachteil dieser Schrift ist nur, dass man sie in diesem Zusammenhang schon allzu oft gesehen hat. Dadurch wirkt sie etwas abgegriffen – was nun wiederum wirklich nicht zu dem Reisebericht eines Briten passt, der standesgemäß erste Klasse reist.

 

Für den Titel des neuen Bandes sollte daher kein vorgefertigter Font verwendet werden, sondern individuell gestaltete Schrift-Lettering.

 

Beim Lettering werden die Formen der Buchstaben zum Bild. Sie wecken Assoziationen und Gefühle. Das funktioniert, weil auch Menschen ohne typografisches Wissen ein Bauchgefühl zu Schrift haben und selbst die, die gar nichts über Gestaltung wissen, ahnen zumindest, dass eine filigrane Schreibschrift zum Beispiel nicht die beste Wahl für das Logo eines Bauunternehmens ist.

 

Auch für den Verweis auf die 1920er Jahre gibt es in der Schriftgestaltung grafische Codes. Zum Beispiel sind schmale Buchstaben charakteristisch für viele Schriften des frühen 20. Jahrhunderts. Das traf sich gut, denn Titel und Untertitel des neuen Byron-Bandes – »Der Berg Athos, Reise nach Griechenland« – sind wesentlich länger als beim Vorgängerband »Europa,1925«. Um die Worte jeweils in einer Zeile unterzubringen, mussten die Buchstaben also schmaler sein.

 

Dass sich das O nicht nur in Vornamen, Namen und Titel wiederholt, sondern auch in der Form des G im Untertitel anklingt, war ein glücklicher Zufall. Die kreisrunde Form von O und G betont im Kontrast die schmalen Formen der übrigen Buchstaben. Phantasiebegabte Menschen denken dabei vielleicht auch an ein Bullauge, an die Linse eines Fernglases oder das Monokel eines Dandys.

 

Ein weiteres Charakteristikum für die Schriften der 1920er Jahre ist die verschobene Mittellinie der Buchstaben: Der mittlere Balken des E und die Mitte von B und R sind je nach Kontext im Wort mal nach unten und mal nach oben versetzt. Auch dass der Querstrich von A, H und E an der linken Seite über den Buchstaben hinausragt, ist typisch. Die Unruhe der tanzenden Querstriche auszugleichen, habe ich mich für die ruhige Klarheit einer monolinearen Schrift entschieden, bei der die Strichstärke der Buchstaben ist überall nahezu gleich ist. Die leichten Unebenheiten machen den Charme handgezeichneter Schrift aus.

 

 

 

 

 

Die grundlegenden Entscheidungen über die passende Form habe ich in lockeren Skizzen in meinem Skizzenbuch getroffen. Dabei probierte ich verschiedene Stile aus – Großbuchstaben, gemischte Schreibweise, Schreibschrift mit verschiedenen Stiften, pseudogriechische Buchstaben mit Ecken statt Rundungen, wie man sie von den Schildern vieler griechischer Restaurants kennt. Probeweise setze ich diese Skizzen in Entwürfe ein, um mit der Herstellungsleiterin Katja Jäger die Richtung abzustimmen.

 

Die Anordnung des Autorennamens habe ich vom Vorgängerband übernommen. Durch die Staffelung der Schriftgrößen von oben nach unten sieht es so aus, als sei der Name weiter weg als der Titel und der Vorname noch weiter. Das verstärkt die Tiefenwirkung des Bildes und erzeugt einen Eindruck von Weite, der gut zum Thema passt.

 

Als Schriftstil und Strichstärke feststanden, habe ich für jeden Buchstaben mehrere Varianten in Skelettform gezeichnet. Dann habe ich die Buchstaben auf ein neues Blatt Transparentpapier durchgepaust und sie zu den Wörtern der Headlines kombiniert. Auf einem weiteren Blatt machte ich die Reinzeichnung mit einem weichen Filzstift, die runden Endungen zog ich mit einem Fineliner kantig. Der Rest war eine Fleißarbeit: Buchstaben zeichnen – manchmal mehrmals, weil sie mir nicht immer auf Anhieb gelingen – die Blätter scannen, die Abstände korrigieren und schließlich die Headlines im Layout-Programm über dem Fließtext platzieren.

 

Bei einer Computerschrift wiederholen sich die gleichen Buchstabenformen. Das wirkt immer etwas mechanisch. Beim Lettering dagegen ist kein Buchstabe wie der andere, auch wenn die Schrift so sorgfältig gezeichnet ist, dass sie fast aussieht wie ein Font. Aber achtet überhaupt jemand auf solche Details? Ich glaube: Die Leser der Anderen Bibliothek schon.

 

 

 

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