Viktor Schklowskij
Sentimentale Reise

Viktor Schklowskij

Sentimentale Reise

»Freuen wir uns, dass es übersetzbar ist«, notierte Walter Benjamin vor fast 90 Jahren zu Viktor Schklowskijs SENTIMENTALE REISE. Die Andere Bibliothek freut sich, dass dieses Werk der russischen Literatur 100 Jahre nach der Revolution in der ersten vollständigen Neuübersetzung von Olga Radetzkaja wiederentdeckt werden kann.

Mit seiner Kunst des Erzählens hat Viktor Schklowskij die Zeit von 1917 bis 1922 durchlebt und überlebt: als Kommissar an der russisch-österreichischen und an der persisch-osmanischen Front, als sozialrevolutionärer Soldat im Kampf gegen die Bolschewiki, auf der Flucht nach Finnland 1922, als ihm die Verhaftung drohte. Als Literaturtheoretiker wurde Viktor Schklowskij weltweit bekannt und starb 91-jährig 1984 in Moskau.
Welterschütternde fünf Jahre beschreibt dieser Bericht: von Krieg, Bürgerkrieg und Revolution, von Angst und Ohnmacht und Tod – mit scharfem Blick, hart und kühl im Stil, immer ironisch und niemals sentimental. Dieses Buch ist das anatomische Präparat eines schreibenden und handelnden Zeitzeugen als literarisches Kunstwerk.

Anselm Bühling hat den Band mit einem umfangreichen Anmerkungsapparat und einem Nachwort bereichert, die Übersetzerin Olga Radetzkaja mit einer Nachbemerkung.

»Gewöhnlich wollen autobiographische Aufzeichnungen einen mehr oder weniger hohen Begriff von der Wirksamkeit ihres Autors geben. Anders bei Schklowski. Als Kommissar der provisorischen Regierung von Kerenski kam er an die Front, um die Truppen zum Widerstand zu bewegen, hatte dann monatelang in Persien den Rückzug der Armee in seine Bahn zu leiten, setzt in Pogromen für die Perser sein Leben ein, zieht vor Cherson auf Patrouille gegen die Weißen und geht zu guter Letzt, wie mans ihm prophezeit hat, bei einem Sprengversuche in die Luft. Und er sagt sich, in alledem, wo keiner wirken konnte, nichts gewirkt zu haben. »Ich ging wie eine Nadel ohne Faden durch das Gewebe.« Das Genie seiner Beobachtung kommt aus der tiefsten skeptischen Besonnenheit, aus einer Selbstkontrolle ohne alle Eitelkeit.« Walter Benjamin, Kritiken und Rezensionen. Gesammelte Schriften III., 1928
 

"Schklowskij ist kein Beobachter, sondern von Anfang an in die geschichtemachenden Ereignisse involviert – entsprechend grell die Ausleuchtung einer brüchig gewordenen, mörderischen Wirklichkeit. (...) "Ich berichte, was geschehen ist und mache mich selbst zum Präparat für die Nachwelt", beschreibt der Schriftsteller augenzwinkernd die Absicht seines Buches, das zwischen Autobiographie, Abenteuerroman und literarischem Manifest changiert. (...) Schklowskij erzählt schroff, in kurzen Absätzen, ohne verbindende Brücken. Dennoch stehen die Jahre der Revolutionen und Kriege in Russland plötzlich klar umrissen vor Augen." Christine Hamel, Bayern 2 - Diwan, 24.06.2017

"Eine Entdeckung. Und das nicht nur als besonders eindringliche Quelle zur russischen Revolution, sondern auch als ungewöhnliches Beispiel für eine literarische Bearbeitung biographischer Motive vor historischer Kulisse. (…) Ein Klassiker ist wiederzuentdecken: "Krieg und Frieden" Anfang des 20. Jahrhunderts, ein Buch über Grenzen und Möglichkeiten des Erzählens und den poetischen Mut der Verzweiflung.“ Hans von Trotha, Deutschlandfunk Kultur, 05.07.2017

"Eine der bemerkenswertesten Figuren unter den Revolutionären der Kunst war Viktor Schklowskij, dessen Theorie der „Verfremdung“ sowie die Überlegungen zur Kunst als „Verfahren“ zu den einflussreichsten Kunsttheorien des letzten Jahrhunderts gehören. (...) Schklowskijs erstes große eigene Prosaarbeit, die „Sentimentale Reise“, ist eine Mischung aus Augen- und Zeitzeugenbericht; aus Chronik, Autobiografie, und – horribile dictu – Abenteuerroman." Erich Klein, Ö1 - Ex libris, 16.07.2017

"Seine "Sentimentale Reise" ist ein fulminantes Buch: ein Tatsachenbericht aus dem Inneren der Revolution 1917, roh, bruchstückhaft, "voller Lücken und Breschen". Dabei aber so lakonisch und sarkastisch, dass die Subtexte einen eigenen Roman erzählen." Susanne Zobl, NEWS, 21.07.2017

"5 Jahre Umwälzung, Krieg und Bürgerkrieg, Revolution und Angst umspannt dieser Bericht. Großartig und erschreckend unsentimental geschrieben." Lukas Hammerstein, Bayern 2 - Jazz und Politik, 05.08.2017

"Die neue und von Olga Radetzkaja auch neuübersetzte Ausgabe bietet uns den vollständigen Text – oder mutet ihn uns zu. Das ist keine Kritik und nicht bloß eine Feststellung, sondern ein Lob." Bruno Preisendörfer, Süddeutsche Zeitung, 08.08.2017

Viktor Schklowskij (1893-1984) arbeitete als Literatur-, Theater- und Filmkritiker und -theoretiker, Drehbuchautor und Essayist. Er wurde nach der Oktoberrevolution zu einem der Begründer und Hauptvertreter des russischen Formalismus. Seine Studien machten ihn ebenso zu einer weltweit bekannten Persönlichkeit wie sein größter literarischer Erfolg: Zoo oder Briefe nicht über die Liebe, im  Berliner Exil vor der Rückkehr in die Sowjetunion verfasst.

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