André Gide
Schwur- gericht

Gide, André

Schwurgericht

Drei Bücher vom Verbrechen

Aus dem Französischen von Ralph Schmidberger und Johanna Borek

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Ein Dandy als Kriminalist.
Er ist schon 45 Jahre alt, ein Sohn aus reichem bürgerlichen Haus. Was tut er eigentlich? Er schreibt. Zu großem Ruhm hat er es nicht gebracht. Nur die Eingeweihten des Pariser Literaturbetriebs wissen, dass er hochbegabt ist, homosexuell, Ästhet und Zyniker, Hedonist und Puritaner zugleich, stets von einem skandalösen Hauch umwittert. Eines Tages im Jahr 1912 erreicht ihn ein amtliches Schreiben: er wird als Geschworener vorgeladen, ein Ehrenamt, das man nicht ausschlagen kann. Das Schwurgericht von Rouen hat mit Totschlägern, Dieben und Betrügern zu tun. Die Begegnung mit diesen Leuten schockiert den Dandy und weckt seine Neugier; die Heuchelei und die Selbstgerechtigkeit des Justizapparates empören ihn. Er schreibt einen Rechenschaftsbericht über seine Erfahrungen, halb Tagebuch, halb Reportage. Das Verbrechen fasziniert und beunruhigt ihn. Zwei seiner berühmtesten Romane handeln davon: Die Verliese des Vatikans (1914) und Die Falschmünzer (1925). Aber die Fiktion genügt ihm nicht. Er kommt auf authentische Kriminalfälle zurück, studiert die Akten und stellt eigene Nachforschungen an. Die Affäre Redureau und Die Eingeschlossene von Poitiers - das sind zwei sensationelle Verbrechen, die es ihm erlauben, in die »terra incognita« der Psyche vorzudringen. Diese Arbeiten standen lange im Schatten von Gides erzählerischem und autobiographischem Werk. Heute, da manches an seinen Selbstbespiegelungen verblichen ist, haben die großen Reportagen Gides ihre ganze Frische bewahrt.