Witold Gombrowicz
Sakrilegien

Gombrowicz, Witold

Sakrilegien

Aus den Tagebüchern 1953 bis 1967

Aus dem Polnischen von Olaf Kühl

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Nein, Kulturkritik kann man das nicht nennen. Kulturkritik, das hört sich ja so müde an. Dagegen Gombrowicz und seine noble Unverschämtheit! Dieses aggressive Rollenspiel, diese Attacken auf alles und auf jeden, Polen, Franzosen, Argentinier, Deutsche! (Ein besonders schönes Kapitel handelt vom Westberlin der sechziger Jahre.) Wie er schimpft und predigt, wie er sich lustig macht über uns und über sich, das ist inspiriert und hat einen langen Atem.
Nichts ist diesem Tagebuchschreiber heilig. Seine Kennerschaft in Sachen Dummheit ist unübertroffen. Damit provoziert er natürlich Rechte wie Linke, Gerechte wie Ungerechte. Mit größter Lust schlachtet er die Kühe des Patriotismus, der Kirche, der Ideologie, und am allerwenigsten schont er die Kultur und ihren Jahrmarkt der Eitelkeiten.
Nie kann man sicher sein, wie er es meint. Der Ton kippt von der haarsträubenden Komik in den bitteren Ernst. Von der Banalität des Alltags zur philosophischen Menschheitsfrage (und umgekehrt), vom Größenwahn zur bösen Selbstironie (und umgekehrt) ist es nur ein kleiner Schritt. Kein Zufall, dass er im Exil geblieben ist; nur einem ewigen Außenseiter ist eine derartige Perspektive vergönnt. Ihre Kehrseite ist die Egomanie.
Kein Wunder also, dass das vollständige Tagebuch einen über tausendseitigen Folianten füllt. Das ist nicht jedermanns Sache. Deshalb begnügt sich die hier vorgelegte Auswahl auf ein gutes Drittel der Vorlage. Vor mehr als vierzig Jahren geschrieben, sind diese Seiten frisch geblieben wie am ersten Tag. Sie schärfen den Blick, und sie beweisen, dass die Tragikomödie unsterblich ist.