Ulrich Enzesnberger
Parasiten

Enzensberger, Ulrich

Parasiten

Ein Sachbuch

antiquarisch suchen
Der erste Parasit war ein Priester, gewählt in der attischen Demokratie, um die Götter zu ehren. Um 350 v.Chr. purzelte er in die griechische Komödie. Vom armen Mitesser am Tisch der Reichen wurde er zum wortgewandten Makler im Dienst des Bürgers. Lukian entwarf einen Parasiten, der Künstler sein wollte, Philosoph, Dichter, Kriegsheld - alles, bloß kein armer Teufel. Über tausend Jahre später wurde der Parasit in Europa zum Begriff. Rabelais mochte ihn, Luther nicht. Dann nahm sich die Aufklärung seiner an und erhob ihn zum biologischen Modell. 1720 bestimmte Micheli in Florenz die Sommerwurz als »parasitische Pflanze«. Seine Definition gilt bis heute. Der Abbé Grégoire bezeichnete dann 1789 auch die Juden als »parasitische Pflanzen«. 1895 unterhielt allein Preußen eine Armee von 27.089 Trichinenbeschauern. 1920 rief Trotzki alle Schaffenden zum Kampf gegen jene Parasiten auf, die »die Spekulation der Arbeit vorziehen«. Ein paar Jahre später entwickelte Hitler in »Mein Kampf« die zentrale These, der Jude sei »ein Parasit im Körper anderer Völker« und griff zur Blausäure. 1964 wurde der Dichter Jossif Brodski als Parasit zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt. 1980 definierten Orgel und Crick die DNA als »the ultimate parasite«. Seither streiten die Genforscher. Die einen schreiben diesen »Parasiten« eine entscheidende Rolle zu, andere, wie Daniel Voytas, nennen sie »Müll« oder »Amokläufer«. Ulrich Enzensbergers Buch handelt von der fatalen Rolle einer jahrtausendealten Idee, die immerzu zwischen Natur und Gesellschaft, Biologie und Politik hin- und herpendelt und auf ihrem Zickzackweg oft genug zur Zwangsvorstellung geworden ist. Sein Text ist spannend, komisch und beklemmend. Er erhebt den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, kommt aber ohne Fußnoten aus. Dafür sorgt der Autor für Bilder, Auszüge aus verschollenen Quellen, für ein Literaturverzeichnis und ein Register.

Vom selben Autor

Enzensberger, Ulrich

Georg Forster

Ein Leben zwischen Eigensinn und Unterdrückung. Schiller schickte ihm drei Xenien nach, in die Hölle. Lichtenberg schwieg ängstl ...

Georg Forster
27,50 EUR
erschienen: 07.1996
Originalausgaben
antiquarisch suchen

Enzensberger, Ulrich

Herwegh

Agitprop als Tragikomödie. Georg Herwegh (1817 bis 1875): Glückspilz, liebenswürdiger Narr, Tagedieb, Vaterlandsverräter, W ...

Herwegh
27,50 EUR
erschienen: 01.1999
Originalausgaben
antiquarisch suchen