Lyrische Menschenkunde

Lyrische Menschenkunde

Gesammelt und vorgestellt von Jürgen Engler

Ich sehe sie wieder klar, und beide Augen lügen
Mir eine schöne Welt. Ich laß mich gern betrügen
Und blicke gerne durch in Kluft und Gruft hinein.
Wenn mich auch sonst nichts freut, ich lob den Augenschein.
— Volker Braun
 
Auf anatomischer Sektion – oft schaubühnenhaft ausgestellt – gründet unser Wissen über den Bau des menschlichen Körpers. Medizinischer Fortschritt ver­dankt sich dem Einblick in unsere Natur und deren Zergliederung. Solches Wissen fand immer schon Eingang in die Dichtkunst, in der aber die Grenzen zwischen wissenschaftlicher Betrachtung und poetischer Reflexion nicht gelten.
 
Lyrische Menschenkunde wirkt der Zerlegung des Körpers entgegen: Im gesteigert wahrgenommenen Detail leuchtet »der ganze Mensch« auf. Von »Kopf bis Fuß« – mit »Leib und Seele«.
 
Die anatomisch inspirierte Menschenkunde weitet sich aus zu einer auf Physiologie, Psychologie und Philosophie beruhenden Erforschung menschlicher Existenz, gegründet auf individueller sinnlicher Erfahrung. Fortschritt mag es in der Medizin geben – nicht in der Kunst. 
 
In ihr lebt wissenschaftlich abgelegte Anschauung  metaphorisch fort, zumal in der Lyrik. Wohl bleiben sich die menschlichen Organe gleich, die Vorstellungen, Anschauungen, Phantasmen und Bilder vom menschlichen Körper aber wandeln sich. Lyrische Menschenkunde wird zur Metaphernkunde – ein unterhaltsamer Erkenntnisgewinn.
 
Diese sich vornehmlich auf die europäische Dichtung stützende lyrisch­-anatomische Anthologie versammelt eine Vielfalt an Formen: Ob Epigramm, Ode, Hymne oder Sonett – alle Gedichte werden zu Zeugnissen menschlicher Selbstbehauptung.
Jürgen Engler (geb. 1945 in Dresden) studierte Kulturwissenschaften und Germanistik in Leipzig. Er arbeitete als Redakteur der Zeitschriften ndl, Sinn und Form und Weltbühne, war von 1995 bis 2004 Chefredakteur der neuen deutschen literatur und lebt als Literaturkritiker und Herausgeber in Berlin.