Rudolf Brunngraber
Karl und das zwanzigste Jahrhundert

Brunngraber, Rudolf

Karl und das zwanzigste Jahrhundert

Roman

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Hat es »Die Neue Sachlichkeit«, jenseits der Schlagworte, wirklich gegeben? Der Österreicher Rudolf Brunngraber war vielleicht der Einzige, der ihr Konzept in einem Roman verwirklicht hat. Karl oder das zwanzigste Jahrhundert ist in diesem Sinn ein Extremfall. Das zeigt sich schon an den ersten Sätzen des Buches: »Als Frederick W.Taylor (Philadelphia) 1880 als Erster konsequent den Gedanken der Rationalisierung faßte, war der Wiener Karl Lakner noch nicht unter den Lebenden. Das entschied sich zu seinem Nachteil.«
Der Held des Romans wird zeit seines Lebens nicht verstehen, von welchen anonymen Kräften sein Los bestimmt wird. Er ist proletarischer Herkunft und versucht aufzusteigen. Brunngraber, selbst ein Maurersohn aus den Wiener Vorstädten, schreibt noch einmal einen Entwicklungsroman mit autobiographischen Zügen, aber er führt diese Gattung ad absurdum. Denn es sind nicht Lakners Handlungen, die den Ausschlag geben, sondern Kapitalbewegungen, industrielle Prozesse, Börsenmanöver, Strategien der Technik und der Aufrüstung. Als sich Karl im Februar 1931 vor einen Zug stürzt, ist das nur die Konsequenz aus einer aussichtslosen Lage, die er mit Millionen von Arbeitslosen teilt.
Mit diesem Buch aus dem Jahre 1932, das lange verschollen war, hat Rudolf Brunngraber etwas geschaffen, was in der deutschen Literatur ziemlich einzigartig ist: einen Roman, der zeigt, daß (um mit Rathenau zu sprechen) die Wirtschaft zum Schicksal des 20. Jahrhunderts geworden ist.