Irene Dische
Fromme Lügen

Dische, Irene

Fromme Lügen

Sieben Erzählungen

Aus dem Amerikanischen von Otto Bayer und Monika Elwenspoek

antiquarisch suchen

Die Titelgeschichte dieses Buches spielt in einem New Yorker Leichenschauhaus. Die Erzählerin schreckt vor keinem bizarren und makabren Detail zurück. Aber das eigentlich Skandalöse an ihrer Prosa ist weder der grelle Stoff noch das absurde Detail, sondern ihr kaltblütiger Humor, ihre absolute Unbefangenheit. Es fehlt ihr einfach jenes berechtigte schlechte Gewissen, jener Moralismus der »Wiedergutmachung« und jenes Harmoniebedürfnis, das in der deutschen Nachkriegsliteratur so klebrige Spuren hinterlassen hat.
Kein Wunder also, daß man ihr Mangel an Takt und Pietät oder antiamerikanische, antideutsche, antijüdische Affekte vorwirft. Natürlich zu Unrecht, denn es geht ihr nicht um Provokationen, und schon gar nicht um irgendwelche Meinungen. Das Ungeheure erscheint in ihren Geschichten hinterrücks, im Nebensatz. Noch einmal finden sich in einem kühlen Licht, wie auf dem Tisch des Schauhauses, die Spätfolgen einer vernichteten Symbiose ausgestellt, die nichts als unsägliche Geheimnisse und fromme Lügen hinterließ.