Samuel Butler
Erewhon oder Jenseits der Berge

Butler, Samuel

Erewhon oder Jenseits der Berge

Aus dem Englischen von Fritz Güttinger

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Ein Nachfahr Jonathan Swifts
Erewhon ist ein Anagramm aus Nowhere – nirgendwo, und das Land, das so heißt, ist eine verkehrte Utopie. Nicht nur, daß es irgendwo bei den Antipoden liegen muß: seine Sitten und Gebräuche sind der reinste Hohn auf die europäische Normalität.
Der Entdecker dieser fernen Region, George Higgs, ist ein moderner Gulliver, und wie sein Vorfahr hat auch dieser Entdecker nicht die edelsten Absichten. Jenseits der Berge findet er eine fruchtbare Gegend, die scheinbar nur darauf wartet, ausgebeutet zu werden. Aber bald zeigt sich, daß Erewhon nur ein groteskes Spiegelbild seiner Heimat ist.
Armut, Krankheit, Behinderung, Depression – jedes menschliche Unglück gilt dort als ein Staatsverbrechen, das gnadenlos bestraft werden muß. Umgekehrt begegnen Mörder, Diebe und Betrüger der verständnisvollsten Rücksicht; ein Heer von Therapeuten, sogenannten »Seelenstreckern«, nimmt sich ihrer an. Die Kirchen gebärden sich wie Banken, während der Geldhandel mit jener Mischung von Andacht und Indifferenz behandelt wird, welche die Christenheit der Religion entgegenbringt. In ihren Kindern sehen die Bewohner von Erewhon lästige Parasiten, die selber schuld sind, wenn man sie mißhandelt. Eigene Hochschulen der Unvernunft sorgen dafür, daß das Denken nicht gefördert, sondern gehemmt wird.
Ein besonderes Kapitel ist der Technik gewidmet. Aus Angst vor der Herrschaft der Maschinen haben die Gegenfüßler nämlich alle modernen Geräte zertrümmert. Die Freunde der Künstlichen Intelligenz können in Butler einen Vorläufer entdecken, der schon vor über hundert Jahren die Selbstabschaffung des Menschen zugunsten der technischen Revolution prophezeit hat.
Butlers Hauptwerk, halb vergessen und seit Langem vergriffen, hat wesentliche Autoren der Moderne, wie Wells, Shaw, Valéry Larbaud und George Orwell, stark beeinflußt.

Samuel Butler, 1835 in Nottinghamshire geboren, ist einer der vielen abgefallenen Theologen der Literaturgeschichte. Er lebte vier Jahre lang als Schafzüchter in Neuseeland. Nach seiner Rückkehr veröffentlichte er unter anderem: Life and Habit (1877); The Authoress of the Odyssey (1897); und The Way of All Flesh (posthum 1903). Er ist 1902 in London gestorben.