Vittorio Segre
Ein Glücksrabe

Segre, Vittorio

Ein Glücksrabe

Die Geschichte eines italienischen Juden

Übertragen von Sylvia Höfer und Hanni Ehlers

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Die Erinnerungen eines Davongekommenen.
»Ich war wohl noch keine fünf Jahre alt, als mein Vater mir um ein Haar in den Kopf geschossen hätte: Er war gerade dabei, seine Dienstpistole, eine Smith & Wesson 7,65, zu reinigen, doch wie der Schuß sich löste, wurde nie geklärt.«
Vittorio Segre, das verwöhnte Kind einer Familie aus der piemontesischen Großbourgeoisie, kam noch einmal mit dem Leben davon. Er sollte auch später Glück haben, ein problematisches, dunkles Glück. Der Vater, ein jüdischer Patrizier und Gutsbesitzer, war zugleich ein Anhänger Mussolinis. Aber was hieß das, anno 1927? Es hieß nur, daß man dazugehörte, daß man assimiliert und ahnungslos war. So fand auch der Sohn nichts dabei, in die faschistische Jugendorganisation einzutreten: »Die einzig normale Existenz, die mir je beschieden war«, sagt Segre mit der schonungslosen Selbstironie, die ihm eigen ist. Die Illusion zerbrach erst 1938, als Mussolini seine Judengesetze verkündete.
Der Sechzehnjährige gibt seine heile Welt auf, verläßt die Familie und erreicht mit einem der letzten Schiffe Palästina. Ein Schock: Das Land erscheint ihm armselig, dürftig, wüstenhaft. Aber er faßt zunächst in einem Kibbuz Fuß, tritt in die britische Armee ein und kehrt auf der Seite der Sieger nach Italien zurück, wo sein Vater, als halbverrückter Hausierer getarnt, überlebt hat.
Ein moralisches, ein existentielles Abenteuer wird hier erzählt. Segre ist sich wohl bewußt, daß sich seine pikareske Geschichte vor dem düsteren Hintergrund des Holocaust abspielt, und so wird ihm sein eigenes Glück zum stummen Vorwurf, zum unlösbaren Problem.

Dan Vittorio Segre, 1922 in Govone bei Turin geboren, diente nach dem Krieg Israel als Diplomat, war Professor an der Universität Haifa und lebt heute in Jerusalem und Piemont.