Géza Ottlik
Die Schule an der Grenze

Ottlik, Géza

Die Schule an der Grenze

Roman

OT: Iskola a Határon, 1957;Aus dem Ungarischen von Charlotte Ujlaky

Die nachtschwarze Seite der erzieherischen Disziplin
Die »Schule an der Grenze« erschien erstmals drei Jahre nach dem ungarischen Aufstand von 1956 und galt als literarische Sensation: Der wegweisende Roman für die nachwachsende Generation der jungen ungarischen Autoren wie Péter Esterházy oder Peter Nádas.
Die Jungs heißen Gabor, Attila, Medve, Benedek, Orban oder Pal, sind zehn Jahre alt, kommen meist aus wohlhabenden ungarischen Familien und erleben die ersten Wochen in der Kadettenschule in Köszeg. Von einem Augenblick auf dem den anderen müssen sie erfahren, dass alles, was sie zu Individuen macht, was sie im Schoß ihrer Familien geprägt hat, an diesem Ort keine Gültigkeit mehr hat: Anstand, Güte, Demut und Rücksicht, Freundschaften und Beziehungen, ja sogar Sprache und Gestus.
Aus kindlicher Perspektive schildert der Ich-Erzähler die machtversessenen Cliquenbildungen, deren Katalysator die Terrorisierung von Außenseitern ist. Wer dick oder kurzsichtig ist, wer stottert oder vor Heimweh weint, hat schon verloren. Der kühle Tonfall des Erzählers, der eine Quälerei nach der anderen schildert, als handele es sich um unvermeidliche Naturereignisse, erzeugt einen trügerischen Schein von wissenschaftlicher Objektivität; doch genau darin liegt die literarische Kunstfertigkeit des Autors - das Normale, das er schildert, ist das Entsetzliche, und vice versa. Der Leser ist gebannt, zwischen Mitleid und böser Neugier schwankend: Wann nur hört die alltägliche Gemeinheit auf? Géza Ottliks These scheint klar: Sie hört niemals auf.

»Der Ungar Géza Ottlik...hat nicht nur einen Roman üder die Zurichtung der kindlichen Persönlichkeit geschrieben, über die Militärschule als Mikrokosmos, sondern auch eine Parabel über den Zwang des Kollektivs und die Funktionsmechanismen von Macht und Unterwerfung...Dafür, dass dieser vor über 50 Jahren erstmals veröffentlichte und heute vergessene Roman jetzt in einer neuen Ausgabe erschienen ist, sollte man auf Knien danken.« Thomas Blum, Konkret, Januar 2010

»Ein großartiges Buch über die Kapillaren der Macht, vollgesogen mit Freiheitshunger und Repressionserfahrung, erzählt von einem Lebenskünstler im Dialog mit dem Manuskript eines Toten.« Lothar Müller, SWR-Bestenliste, Juni 2009

»Wie Anpassung und Aufbegehren Kinderseelen immer und überall verkrümmen, behält seine unbarmherzige Klarheit bis weit ins 21. Jahrhundert hinein.« Gregor Dotzauer, Tagesspiegel vom 05.07.2009

»Die Präzision, mit der ‚Die Schule an der Grenze’ den Schrecken im Internat schildert, teilt das Buch mit Robert Musils ‚Törleß’. Hermann Ungers ‚Die Klasse’ und vielen anderen Romanen des 20. Jahrhunderts. Zum Ereignis wird Ottliks Roman jedoch durch die doppelte Bewegung, mit der er voller Trauer den Verlust des Kindheitsglücks festhält — und zugleich ohne jeden Zynismus die neue Welt mit der durch den haltlosen Schrecken erzwungenen Nähe als neues Glück zu rühmen vermag.« Jörg Plath, Deutschlandradio Kultur vom 17.06.2009

»Ottliks Roman ”Die Schule an der Grenze“ liest sich fatalistisch und gläubig zugleich, doch das Buch ist wie aus einem Guss geschrieben, mit großer Freude am Erzählen und in eine sehr lebendige, wortreiche Übersetzung gebracht. Eine Entdeckung.« Stefan Berkholz, WDR 3 vom 21.07.2009

»Ottlik, der sehr genau beobachtet, erzählt spannend und beklemmend (...) Die Geschichte spricht für sich selbst, und sie weist weit über ihren Zeithorizont hinaus.« Balduin Winter, Literaturen, November 2009

»Ein Klassiker der ungarischen Literatur ist einmal mehr anzuzeigen ... Von Leben erzählt Ottliks Roman und zugleich von der Unmöglichkeit, die Wahrheit über ebendieses Leben erzählend zu fassen.« Andreas Breitenstein, Neue Zürcher Zeitung vom 16.05.2009

»Géza Ottlik ist ein meisterhafter Erzähler.« Waltraut Worthmann-von Rode, Saarländischer Rundfunk vom 23.05.2009

»Der Roman ‚Die Schule an der Grenze’ von Géza Ottlik ist eine Wiederentdeckung, die wir letztlich Péter Esterhazy zu verdanken haben ... Bewertung: großartig« Sigrid Löffler, rbb Kulturradio vom 22.06.2009

»ein Meisterwerk ... Die Übersetzerin Charlotte Ujlaky hat Großes geleistet, weil sie die bis zum Zerreißen gespannte Ruhe der Ottlikschen Sätze authentisch und ohne falsche Künstlichkeit wiedergibt.« Cornelius Hell, ORF — Ex libris

»Ein unversöhnliches, packendes Werk über das Leben in einer Kadettenschule in den zwanziger Jahren.« Marc Peschke, Hessischer Rundfunk vom 03.05.2009

»... das Buch ist wie aus einem Guss geschrieben, mit großer Freude am Erzählen fabuliert und in eine sehr lebendige, wortreiche Übersetzung gebracht. Eine Entdeckung.« Stefan Berkholz, Bayern 2 vom 30.05.2009

»Géza Ottliks Roman ‚Die Schule an der Grenze’, diesen ungarischen, literarischen Klassiker gilt es jetzt zu entdecken.« Joachim Scholl, Deutschlandradio Kultur vom 25.05.2009

 

Géza Ottlik, geboren 1912 und gestorben 1990 in Budapest, war Schriftsteller, Übersetzer, Mathematiker und führender Bridge-Theoretiker. Er besuchte Militärschulen in Köszeg und Budapest und studierte zwischen 1931 und 1935 Mathematik und Physik an der Universität in Budapest. Seine politische Einstellung, die sich auch in dem Roman Die Schule an der Grenze manifestierte, verhinderte eine eigenständige literarische Karriere, sein Einkommen bestritt Ottlik fortan als Übersetzer von Autoren wie Bernhard Shaw, John Osbourne und Evelyn Waugh aus dem Englischen und Thomas Mann und Stefan Zweig aus dem Deutschen - und als Autor spitzfindiger Bridge-Bücher.