Die Erkundung von Selborne durch Reverend Gilbert White

Die Erkundung von Selborne durch Reverend Gilbert White

Eine illustrierte Naturgeschichte

Als Georg Forster 1772 an Bord von Captain Cooks Weltumseglungsschiff ging, arbeitete Gilbert White schon seit über zwei Jahrzehnten fern von allen Akademien an seinen eigenen naturkundlichen Beobachtungen.

Vor allem an seinem Geburtsort Selborne in Hampshire in Südengland, in dem er als Kaplan die umliegenden Pfarreien betreute, führte er Tagebuch über die Wind- und Witterungsverhältnisse. Er verfolgte die Jahreszeiten und machte sich präzise Notizen zur Selborne’schen Pflanzen- und besonders der Tierwelt.
 
Mit dem Stapel seiner Notizen wuchs auch seine Sammlung von in Brandy konservierten Präparaten, die seinen Besuchern den Artenreichtum der örtlichen Fauna augenfällig machte.
 
In der Tradition der englischen »Pastoren-Naturhistoriker«, die die zoologischen und botanischen Nomenklaturen von Carl von Linné füllten, machte sich Gilbert White an die Erkundung jener Landstriche, die er sich wandernd erschließen konnte: Weideland, Kreideformationen, Heiden, Acker- und Kulturböden, Tümpel, Weiher und Flüsse, Sümpfe und Trockengebiete. Seine Feldforschung im Allernächsten brachte Erstaunliches zutage: Er gilt als Entdecker der Zwergmaus als eigenständiger Art, hat als Erster Zilpzalp, Fitislaubensänger und Waldlaubensänger anhand ihres Gesangs als drei verschiedene Vogelarten unterschieden und festgehalten, dass Eulen in B-Dur schreien.
 
Mit Anteilnahme verfolgte er das Schicksal ortsansässiger Arten: ob Krähe, Kuckuck oder Nachtschwalben, Grillen, Heimchen – oder auch die Schildkröte seiner Tante. Als ein mächtiger Eichenbaum gefällt wird, beschreibt er die Not einer Rabenfamilie, die ebendiesen Baum seit Generationen zur Heimstatt hatte; noch während die Säge ihr Werk tut, sitzt die Rabenmutter im frisch bestellten Nest …
 
Aus den Briefwechseln mit seinerzeit weit über England hinaus bekannten Naturforschern komponiert der Hobby-Zoologe White fast 40 Jahre lang sein Buch, das erst 1789, wenige Jahre vor seinem Tod, erscheint. Anders als seine längst vergessenen Kollegen fand »Reverend« White eine sprachliche Form, die seine Naturgeschichte von Selborne zu einem zeitlosen Klassiker der englischen Literatur machte. Nach Hunderten Ausgaben in Großbritannien und Übersee brachte es seinem Heimatdorf Selborne einigen Ruhm und Bekanntheit – heute ist das Gilbert White House mit angegliedertem naturkundlichem Museum Ziel von Touristen aus aller Welt.
 
»Wenn der Autor auch nur einige seiner Leser anregt, die Wunder der Schöpfung stärker zu achten, die allzu häufig als gewöhnliche Erscheinungen hingenommen werden, so ist der Zweck dieses Buches ganz erfüllt.«

"Whites Porträt von Selborne macht noch einmal anschaulich, wie die Welt einmal ausgesehen hat, die dörfliche Welt Mittel- und Nordeuropas. Er zeigt, wieviel bunter und wieviel klangvoller sie war." Tobias Lehmkuhl, Deutschlandfunk, 17.05.2021

Gilbert White (1720–1793) war englischer Pastor, Naturkundler und Ornithologe. Er studierte am renommierten Oriel College der University of Oxford und bekleidete mehrere Vikariate in den Gemeinden von Hampshire. Als passionierter Zoologe stand er in Briefwechsel mit den berühmten Naturforschern seiner Zeit und kompilierte ab 1770 seine Natural History of Selborne aus seinen eigenen Schriften. Er blieb zeit seines Lebens unverheiratet und kinderlos, wurde als freundlicher und Mensch und Tier zugewandter Nachbar von den Dorfbewohnern geschätzt. Es ist kein Portrait von ihm überliefert, seine Naturgeschichte gilt als eines der meistveröffentlichten Werke in englischer Sprache und Klassiker der englischen Literatur.

Die Erkundung von Selborne durch Reverend Gilbert White