Der Nürnberger Lernprozess

Der Nürnberger Lernprozess

Von Kriegsverbrechern und Starreportern

zusammengestellt von Steffen Radlmaier

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Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schrieb das Nürnberger Tribunal ein neues Kapitel in der Geschichte des Völkerrechts. Wenige erinnern sich heute noch daran, wie es dabei zuging. Der Prozess gegen die Nazi-Größen war ein Medienereignis erster Ordnung. Scharen von Reportern brachen 1945/46 in die zertrümmerte Stadt ein, unter ihnen Willy Brandt, der für die skandinavische Presse schrieb, und der Amerikaner William Shirer. Selbst China hatte einen Berichterstatter entsandt.
Aber vor allem waren Schriftsteller aus der ganzen Welt angereist: Ernest Hemingway und Erika Mann, Ilja Ehrenburg und Louis Aragon, John Steinbeck, Erich Kästner, Konstantin Fedin, Robert Jungk, Martha Gellhorn, Victoria Ocampo, Peter de Mendelssohn, Rebecca West, John Dos Passos ... Eine glänzende Liste, die sich fortsetzen ließe.
Die Berichte dieser Autoren sind seither in Vergessenheit geraten. Steffen Radlmaiers Recherche zeigt, dass sie mehr als alle Prozessakten über die Atmosphäre und die Wechselfälle des Prozesses sagen. Es sind Impressionen aus erster Hand. Das Weltgericht tagte nicht nur im Schwurgerichtssaal 600, sondern auch, bei Whisky und Wodka, im Bleistiftschloss der Faber-Castell, das als internationales Presse-Camp diente. Die Unmittelbarkeit dieser Zeugnisse versetzt den Leser in eine Zeit, von der sich die Nachgeborenen kaum eine Vorstellung machen können.
Für die Chronologie der Ereignisse sorgen Meldungen aus der Tagespresse. Auf diese Weise vergegenwärtigt das Buch auch den Verlauf des Prozesses und das Ende der Angeklagten.

»Um es gleich vorweg zu sagen: Dieses Buch ist fantastisch und darf in keinem anständigen deutschen Haushalt fehlen. Es ist eine der aufregendsten, traurigsten, spannendsten und beglückendsten Textsammlungen des 20. Jahrhunderts. Sie bietet lakonische, bittere, leidenschaftliche, pathetische, beleidigte, melancholische, racheerfüllte Artikel, Aufsätze, Meldungen, Reportagen von Journalisten, Schriftstellern, Militärangehörigen, Politikern geschrieben — und wundervoll zusammengestellt von Steffen Radlmaier.« Die tageszeitung

»Der Herausgeber beabsichtigt keine wissenschaftliche Aufarbeitung des Nürnberger Prozesses; vielmehr geht es um die Dokumentation journalistischer und literarischer Texte von Augenzeugen des dramatischen Geschehens im Schwurgerichtssaal 60". Gerade dadurch wird die Zusammenstellung der Texte jedoch eine historische Quelle sui generis.« Süddeutsche Zeitung

"Die ganze Sammlung enthält lauter glänzende Zeugnisse, wie Journalisten den gleichzeitigen Herausforderungen der Berichterstattung und der Wortfindung für den ungeheuerlichen Prozessgegenstand genügten. Wenn sie für ein deutsches Publikum schrieben, hatten sie es mit Lesern zu tun, die in großer Zahl auf kleinere Prozessbänke gehört hätten. Wenn sie für ein Publikum in den Siegerländern schrieben, mussten sie einen Weg finden, wie sie ihren Lesern den Bedeutungsunterschied zwischen deutsch und nationalsozialistisch nahe bringen (...).« Kölner Stadt-Anzeiger

"Vor allem die Sachlichkeit ist verblüffend, mit denen die Nazis in wenigen Sätzen charakterisiert werden, sie geben ein genaues Bild, gerade weil sie so authentisch sind, die Gräuel noch frisch im Gedächtnis und die so normal aussehenden Massenmörder noch vor sich auf der Bank.« Stuttgarter Zeitung

»Die lohnenswerte Anthologie ist Geschichte von unten, die heutigen Lesern zeigt, wie sich der Jahrhundertprozess seinerzeit medial vermittelte. Das schließt auch Kuriositäten ein. So füllte der titelgierige Göring zur Belustigung der Journalisten auch das Amt des Reichsjägermeisters ein aus. Und der sowjetische Journalist Boris Polewoj wundert sich über seine gut aussehende Sitznachbarin, die mir irgendwie bekannt vorkam. Als sie ihm später ein Bonbon anbietet, klären ihn seine Kollegen auf — es ist Marlene Dietrich.« Die Woche

»Diese Anthologie konkurriert nicht mit wissenschaftlichen Abhandlungen über das erste Weltgericht. Sie ist eine Quelle eigener Art. Es geht um Fragen der Schuld, um die Heuchelei von Siegern, den Sinn großer, internationaler Prozesse, den Charakter von Staatsverbrechern und ihren Richtern in Roben und auf der Pressebank. Auf Den Haag blicken wir jetzt mit geschärfter Aufmerksamkeit.« Die Zeit

"Wer wissen will, was Zivilität bedeutet, der lese dieses Buch. Jede Reportage und jeder Essay verrät es ihm: Zivilität ist die Einsicht in die Differenz, sie besteht in der Erkenntnis, dass es die Deutschen sowenig gibt wie die Serben, die Juden sowenig wie die Moslems. Bleibt zu hoffen, dass auch dieser Lernprozess nie zu Ende geht.« Berliner Zeitung

»Diese Zusammenstellung der Berichte über den Nürnberger Prozess ist gewiss keine angenehme Lektüre, aber eine sehr lohnende, nicht trotz, sondern wegen all der Irrtümer, Fehler und Beschränkungen der zeitgenössischen Perspektive der Beobachter.« Neue Zürcher Zeitung

 

Steffen Radlmaier, geboren 1954, ist Feuilletonchef der Nürnberger Nachrichten.