Adriano Sofri
Der Knoten und der Nagel

Sofri, Adriano

Der Knoten und der Nagel

Ein Buch zur linken Hand

Mit einem biographischen Essay von Carlo Ginzburg, aus dem Italienischen von Walter Kögler

»Als Kind lief ich immer mit offenen Schnürsenkeln herum.«
Eine Kulturgeschichte des Nagels? Des Knotens? Das hört sich nach einem Buch für Liebhaber und Spezialisten an. Aber hier geht es nicht um Kuriositäten, hier geht es ums Ganze.
Denn Sofri kann zeigen, dass damit eine Unterscheidung auf dem Spiel steht, die ebenso fundamental ist wie die vertrauten Gegensätze weiblich/männlich oder rechts/links. Es handelt sich um uralte, tief in der Geschichte der Menschheit verwurzelte Figuren. Und es stellt sich heraus, dass beide Erfindungen, die der Klinge und die der Schlinge, aufs engste mit dem Kampf der Geschlechter und mit dem Unterschied zwischen der linken und der rechten Seite zusammenhängen. Kein Wunder also, dass Sofris Buch auch eine politische Dimension eröffnet.
Das anthropologische Thema wird nicht akademisch abgehandelt. Der Autor will keine These aufstellen und kein System errichten. Er erzählt uns vielmehr Geschichten - alte und neue, bekannte und unbekannte. Sein Buch ist selber ein dichtgewobener Teppich mit tausend Knoten. Von Zwitterwesen und Chimären ist darin die Rede, vom Bergsteigen mit und ohne Haken, von Schnürsenkeln und Utopien. Seine politische Aktualität aber besteht darin, dass der Niedergang der linken Bewegungen diesen Schriftsteller nicht gelähmt hat. Er versteht es weiterzudenken.
Die Kühnheit, die er dabei an den Tag legt, ist imponierend - umso mehr, da er heute, zu 22 Jahren Haft verurteilt, in einem italienischen Gefängnis sitzt.

Adriano Sofri, 1942 geboren, war der charismatische Anführer der außerparlamentarischen Bewegung »Lotta Continua«. In einer Serie von höchst fragwürdigen Prozessen wurde er auf Grund fadenscheiniger Aussagen beschuldigt, zum Mord an einem Polizeikommissar angestiftet zu haben. Die öffentliche Meinung Italiens spricht von einem Justizskandal, der an den Fall Dreyfus erinnert. Unter Sofris Werken sind zu nennen: Memoria (1990), L'ombra di Moro (1991), Le prigioni degli altri (1993), sämtlich in Palermo bei Sellerio erschienen.