Catherine Gore
Der Geldverleiher

Catherine Gore

Der Geldverleiher

Ein viktorianischer Roman

Mit einer erstaunlichen Sprach- und Stilsicherheit hat der Apotheker-Gehilfe Fontane im Jahr 1842 die realistisch-lebendige, figurenreiche und auf Unterhaltung zielende Erzählweise von Catherine Gore ins Deutsche übertragen.
 
Englands High Society finanziert in den 1820er-Jahren nach dem Sieg über das napoleonische Frankreich den Rausch von Luxus, Spiel und Verschwendung ganz zeitgenössisch: mit Krediten. Auch der junge Leutnant Basil Annesley aus verarmtem Adel wählt den Weg in Londons dunkle Straßen zum verrufenen Geldverleiher, hinter dessen Kürzel A. O. sich der Name Abednego Osalez verbirgt – der Sohn einer konvertierten jüdischen Familie aus dem spanischen Cádiz. Die 300 geliehenen Pfund sollen aber nicht dem Vergnügen dienen, sondern Basils verarmtem Heidelberger Künstlerfreund Verelst aushelfen, der mit seiner Frau und den beiden Töchtern Esther und Salome als politischer Flüchtling in London haust.
 
Der junge Leutnant aus dem königlichen Garderegiment entdeckt ein seltsames Doppelleben und entwickelt Sympathie für die zwielichtige Figur: A. O. ist nicht nur die letzte Kreditinstanz der Londoner High Society, sondern auch ein hochgebildeter und mehrsprachiger Bankier, der in internationalen Finanz- und Diplomatenkreisen verkehrt, dort, wo »das Geld den erhabneren Namen ›Kapital‹ führt.«
 
Seiner jüdischen Herkunft wegen wurde er zum diskriminierten Außenseiter der snobistischen englischen Oberschicht; seine künftigen Schuldner haben ihn erst zum Geldverleiher gemacht – mit Reichtum und Maskerade rächt er sich für das begangene Unrecht.
 
Catherine Gore beschreibt mit drastischem Realismus, spannend wie in einer kriminalistischen Handlung und aus tiefer Kenntnis die Gesellschafts- und Finanzwelt im viktorianischen England. Sie porträtiert in einer dramatischen Handlung das Sittenbild eines Zeitalters: voller Ständedünkel und antijüdischer Vorurteile.
 
Die Zeitgenossin Emily Brontë ließ sich von Catherine Gores Beschreibungs- und Beobachtungskunst inspirieren, Charles Dickens schrieb zur gleichen Zeit seine großen Sozial- und Gesellschaftsromane, und die berühmten französischen Feuilletonromane von Alexandre Dumas, Honoré de Balzac und Eugène Sue lassen eine tiefe Verwandtschaft erkennen.
 
Theodor Fontane (1819–1898), der große Klassiker des bürgerlichen Realismus in der deutschen Literatur, ist der Erste, der Catherine Gore ins Deutsche übersetzt hat. Seine Übertragung stammt aus den Jahren seiner Apotheker-Gehilfenzeit in Leipzig und Dresden 1842/43, als er in den Leipziger radikaldemokratischen Kreisen des sogenannten »Herwegh-Klubs« verkehrte, in dessen Literaturzeitschrift er veröffentlichte und die Entwicklungen der britischen Literatur aufmerksam verfolgte. Fontanes erstes Interesse galt in dieser Zeit dem britischen Gesellschaftsroman – und auch dem grassierenden Antisemitismus.
 
In seiner Alters-Autobiographie von 1895 – Von Zwanzig bis Dreißig – hält er fest, um was für »eine sehr gute Erzählung« es sich gehandelt habe und dass die Übersetzung ohne sein Wissen in einer der kurzlebigen Literaturzeitschriften erschienen sei – diese Veröffentlichung harrt bis heute der Entdeckung. Theodor Fontanes Manuskript hingegen ging im Zweiten Weltkrieg verloren.
 
Auf der Grundlage des wiederentdeckten Typoskripts hat Iwan-Michelangelo D’Aprile unseren Band Der Geldverleiher ediert – und damit zugleich ein vergessenes Stück viktorianischer Literatur und ein fehlendes Stück in Fontanes Gesamtwerk gehoben.

"Zum einen ist es ein richtiger Schmöker. Zum anderen ein äußerst interessantes Buch des Übergangs von der romantischen Schauergeschichte zum realistischen Roman. Für die Weihnachtslektüre kann man es nur empfehlen." Jürgen Kaube, FAZ, 27.11.2021

"Catherine Gore, im frühviktorianischen England eine bekannte Autorin, hat den jüdischen Geldverleiher erfunden, um mit den Mitteln eines Unterhaltungsromans voller Geheimnisse und Abenteuer Einspruch gegen den Antisemitismus ihrer Zeitgenossen einzulegen." Süddeutsche Zeitung, 27.11.2021

"Ein besonderes Vergnügen, neben Gores originellen Wortschöpfungen und der stellenweise pointierten Übersetzung (...) ist das Vorwort. Iwan-Michelangelo D’Aprile, Literaturwissenschaftler und Fontane-Kenner beleuchtet so lebendig wie informativ Zeit und Veröffentlichungsgeschichte des Romans, die Irrwege von Fontanes Manuskript und seine selten aufgearbeitete Übersetzertätigkeit." Maria Leitner, Buchkultur, 18.10.2021

Catherine Gore (1799–1861) gehörte zwischen den 1830er- und den 1850er-Jahren mit ihren rund 70 Romanen und Erzählungen zu den meistgelesenen englischen Autoren und zählt heute zum Kanon der viktorianischen Literatur. Wie Jane Austen, William M. Thackeray oder Emily Brontë hat sie in ihren Romanen das gesellschaftliche Leben der »höheren Klassen« dargestellt und veröffentlichte ihren Gesellschaftsroman Der Geldverleiher 1842 zunächst als Fortsetzungsroman in einer liberalen Monatszeitschrift – unter dem Titel The Money-Lender – und ein Jahr später als Buch.

Iwan-Michelangelo D’Aprile (geb. 1968 in Berlin) ist Literaturwissenschaftler und Historiker. Er lehrt als Professor für »Kulturen der Aufklärung« an der Universität Potsdam. In seiner großen Biographie Fontane. Ein Jahrhundert in Bewegung hat er gezeigt: Theodor Fontane ist weit mehr als ein Autor des Preußisch-Brandenburgischen, sondern ein Zeitzeuge, der den gesellschaftlichen Wandel des 19. Jahrhunderts porträtiert hat – so auch in seiner Übertragung von Catherine Gore.
Der Geldverleiher

aktuelle Veranstaltungen

18. April 2022 11:00 Uhr
Fontane-Buchhandlunge Neuruppin
»Der Geldverleiher«: Buchvorstellung in Neuruppin mit dem Fontane-Experten Iwan-Michelangelo D'Aprile Mehr
16. Mai 2022
Stadtbibliothek Berlin-Steglitz
»Der Geldverleiher«: Buchvorstellung mit der Fontane-Gesellschaft in Berlin-Steglitz Mehr