Karl Schlögel
Das Wunder von Nishnij oder Die Rückkehr der Städte

Schlögel, Karl

Das Wunder von Nishnij oder Die Rückkehr der Städte

Berichte und Essays

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Lange genug hat der saturierte Westen dem östlichen Europa den Rücken zugekehrt. Einen genaueren, profunderen Kenner dieser Region als Karl Schlögel haben wir in der Bundesrepublik nicht. Seit zehn Jahren erkundet er die Welt, die versunken war und die für immer preisgegeben schien. Seine Reisen führten ihn nach Wilna und Lemberg, Moskau und Czernowitz, Kasan und Nishnij Nowgorod. Ein erstes Resultat: Unter der Eisdecke eines Regimes, das jeder urbanen Zivilisation ein Ende machen wollte, hat die historische Substanz der Städte überlebt.
Schlögels wahres Thema ist jedoch nicht die Topographie, sonder die Zeit – erst die blockierte, stillgestellte, dann die sich rasend beschleunigende Zeit. Die glaubwürdigsten Indikatoren dieser reißenden Entwicklung sind nicht Proklamationen und Beschlüsse, sondern Schwarzmärkte, Verkehrsströme, Baustellen, Demonstrationen. Die Sensation besteht in der mühevollen Rückkehr zur Normalität, einem Prozeß, der unerhörte Gefahren und Möglichkeiten birgt.
Am Ende des Ausnahmezustandes erscheint alles exotisch. Wir werden uns daran zu gewöhnen haben. Wo ein Block, ein Lager, ein geschlossener Raum war, liegt das andere Europa vor unseren Augen, ein weitgestreuter unbekannter Archipel. Karl Schlögels Expeditionen spüren den Risiken und den Wundern nach, die dort ans Licht treten.

Karl Schlögel, 1948 im Allgäu geboren, lebt in Berlin und Konstanz, wo er eine Professur angenommen hat. Zuletzt veröffentlichte er in der ANDEREN BIBLIOTHEK Wegzeichen, einen Essayband aus dem Jahre 1909 über die Krise der russischen Intelligenz. Weitere Publikationen: Moskau lesen. Berlin 1984; Die Mitte liegt ostwärts. Berlin 1986; Das Laboratorium der Moderne. Petersburg 1909-1921. Berlin 1988.