Léon Bloy
Auslegung der Gemeinplätze

Bloy, Léon

Auslegung der Gemeinplätze

Aus dem Französischen von Hans-Horst Henschen

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Ätzendes Christentum
Eines der großen Themen dieses Buches, die Armut, steht heute wieder auf der Tagesordnung. Aber Léon Bloy war kein linker Agitator, sondern ein religiöser Extremist. Darin erinnert er an Kierkegaard. An Flaubert gemahnt sein wütender Haß auf die Dummheit. Dort nämlich, wo Stumpfsinn und Gemeinheit Fleisch geworden sind, beim Gemeinplatz, setzt sein Angriff auf die bürgerliche Gesellschaft an.
»Armut schändet nicht.« - »Man muß mit der Zeit gehen.« - »Geschäft ist Geschäft.« - »Man kann nicht alles haben.« - »Der Mensch denkt, und Gott lenkt.« - »Geld stinkt nicht.«
Einhundertdreiundachtzig solcher Phrasen unterzieht Léon Bloy einer ätzenden Exegese. Dabei tritt nicht nur eine unheimliche Komik zutage, sondern auch eine bodenlose Wahrheit: »Die banale Rede, ewig wiedergekäut von Idioten, bekräftigt deren Nichtigkeit auf wunderbare Weise, und eben darin liegt ihre göttliche Kraft«. Jenseits der Polemik findet Bloy im Müll der Sprache eine Art Offenbarung ex negativo, ein skandalöses Geheimnis. Dieses religiöse Denken führt nicht zur Versöhnung, sondern zur Zuspitzung der Widersprüche. Hier zeigt sich, daß ein radikal verstandenes Christentum einen Blick auf die menschliche Gesellschaft eröffnet, der nicht erbaulich, sondern böse ist. Mit seiner furiosen Entzifferung des Alltäglichen stellt Léon Bloy jeden politischen Brandredner in den Schatten.

Dieser Autor, 1846 in Périgueux geboren, war ein unglücklicher Mensch. Er hat ein umfangreiches Werk hinterlassen, doch sein Leben war gezeichnet von Mißerfolgen und Katastrophen, von extremer Armut und tiefer Verzweiflung. An der Auslegung der Gemeinplätze hat er über zwanzig Jahre lang gearbeitet; vom ersten Teil des Werkes, der 1912 erschien, wurden damals keine tausend Exemplare verkauft. Bloy starb 1917 in Bourg-la-Reine. Heute gehört er in Frankreich zu den Klassikern der Moderne.