Miklós Szentkuthy
Apropos Casanova

Miklós Szentkuthy

Apropos Casanova

Das Breviarium des St. Orpheus

Er ist der Solitär der ungarischen Literatur. 60 Jahre arbeitete Miklós Szentkuthy an seinem enormen, uferlosen Werk – auf Deutsch lagen bisher nur wenige Seiten vor. Zu entdecken ist ein literarischer Kosmopolit, ein ungarischer Borges, ein zu jeder Zeit Unzeitgemäßer.

2000 Jahre europäische Kultur, nichts weniger hat sich Miklós Szentkuthy mit seinem Breviarium des St. Orpheus vorgenommen – was anderen zur gigantomanischen Selbstüberschätzung geriete, ist bei ihm ein humoristisch-satirisch-spöttisches Spiel mit der Geschichte. Neben dem Bekannten oder bloß Plausiblen aus den Annalen entdecken wir erdichtete, erlogene Episoden, fiktive Begegnungen historischer Persönlichkeiten, verblüffende Analogien und Zufälle; das Unwahrscheinliche stellt Szentkuthy neben das Faktische, wir hasten ihm hinterher auf seinem vergnügten Ritt durch die Geschichte, und schon bald spielt keine Rolle mehr, was wirklich wahr, was nur fiktiv richtig ist. Für seinen Romanessay Apropos Casanova, Auftakt seines Opus magnum Das Breviarium des St. Orpheus, mit dem Szentkuthy erstmals einer deutschen Leserschaft vorgestellt wird, wurde er bei Erscheinen 1939 der Blasphemie angeklagt.

In Apropos Casanova nimmt uns der »heilige« Orpheus Szentkuthy bei der Hand, führt uns als antikmoderner Vergil durch die Epochen. Im Zentrum stehen Casanova und seine Memoiren, aus deren Lektüre ein eigentümlicher Roman entsteht: Nicht Textkommentar hat er im Sinn, sondern das Heraufbeschwören des gesamten 18. Jahrhunderts, das Casanova als Gallionsfigur verkörpert. Chronologie aber ist Szentkuthys Sache nicht – und so darf es nicht verwundern, dass sich hier Leibniz und Sigmund Freud, die US-amerikanische Schauspielerin Gloria Swanson und Tintorettos »Susanna im Bade« literarisch begegnen.

Bei Szentkuthy entpuppt sich das Heilige als das Profane, die Hagiographien geraten zu Lastergeschichten – Casanovas Spiegelbild, der Heilige Alfons von Liguori, hier zum Kumpanen des Venezianers gemacht, führt uns deshalb ein und hinab in Szentkuthys abgründigen Humor.

»Hier ist ein wirklich amusabler, ein sehr wacher, sensitiver, empfänglicher Geist, der im höchsten Sinne Spaß versteht.« – Thomas Mann, 1949
 

Miklós Szentkuthy (1908–1988) war der moderne Schriftsteller Ungarns schlechthin. Er übersetzte Dickens, Mark Twain, Swifts Gullivers Reisen und Joyce’ Ulysses ins Ungarische. Einem kennerschaftlichen Publikum ist er dank Übersetzungen ins Französische, Spanische, Englische, Portugiesische, Slowakische und Rumänische bekannt. Kurz vor seinem Tod wurde er 1988 mit dem Kossuth-Preis, der höchsten ungarischen Auszeichnung für Kunst und Kultur, geehrt.

Timea Tankó, 1978 geboren, hat als Übersetzerin aus dem Französischen und dem Ungarischen unter anderen Andor Endre Gelléri, István Kemény und Antal Szerb ins Deutsche übertragen.