Eckart Kleßmann
Goethe und seine lieben Deutschen
312 Seiten 50.90 sFr, 32.00 Euro
ISBN:9783821862200

»Sie mögen mich nicht! Das matte Wort! Ich mag sie auch nicht! Ich habe ihnen nie etwas zu Danke gemacht!«

Dieser zornige Ausbruch des alten Goethe bezeichnet den Höhepunkt seiner Abneigung gegen die Deutschen. Zeitlebens herrschte zwischen ihm und seinen Landsleuten eine latent gereizte Stimmung. Sie warfen ihm Unsittlichkeit, Unchristlichkeit, mangelnden Patriotismus und Napoleon-Verehrung vor; er ihnen geistige Dumpfheit, Spießigkeit, bornierten Chauvinismus und das Unvermögen, Kunst zu verstehen und unbefangen zu genießen, befangen in Abstraktion und Spekulation.
Dieses Buch will nicht die zahlreichen Äußerungen Goethes über die Deutschen sammeln; das hat bereits Hans-J. Weitz in seinem mehrfach aufgelegten Büchlein »Goethe über die Deutschen« getan. Hier geht es um die Geschichte einer von Anfang an schwierigen und spannungsgeladenen Beziehung und deren Ursachen zu Lebzeiten Goethes. Sein Tod hat die Deutschen nicht versöhnlicher gestimmt, im Gegenteil. Denn nun wurde mit der Veröffentlichung seiner Briefe und Gespräche überhaupt erst bekannt, wie wenig der Dichter von seinen Landsleuten gehalten hatte und welche erotischen Bijoux in seinem Schreibtisch verborgen waren, von denen die – vermeintlich – anstößigsten Stücke überhaupt erst 1914 im Rahmen der großen wissenschaftlichen Gesamtausgabe (und damit für breite Interessentenkreise nahezu unzugänglich) gedruckt wurden. Doch die Goethe-Rezeption in Deutschland nach 1832 hat schon 1962 Wolfgang Leppmann in seiner trefflichen Darstellung »Goethe und die Deutschen« beschrieben; im vorliegenden Buch geht es hingegen um die Vorgeschichte.
Zum Titel: Wenn Goethe seine Landsleute kritisierte, heißt es meist »die Deutschen«. Der anheimelnde Zusatz »die lieben Deutschen« bedeutet aber in aller Regel nichts Gutes. Formulierungen wie »wir Deutsche« sind selten und tauchen erst im Alter auf, als eine gewisse Altersmilde ihn von der Distanzierung absehen läßt. Vorurteile gab es auf beiden Seiten. Wenn Goethe von »den« Deutschen spricht, meint er die später so genannten »Bildungsbürger«, also jene, die Bücher lasen und darüber urteilten, das Theater besuchten, Zeitschriften abonnierten, sich für Ausstellungen interessierten, aber auch Künstler und Schriftsteller, deren Werke seinem ästhetischen Kanon nicht entsprachen. Probleme mit denen, die man das »einfache Volk« nannte, gab es hingegen nicht; sein gutes Verhältnis zu Handwerkern oder zum eigenen Dienstpersonal ist vielfältig bezeugt. Er war ein Freund mundartlicher Dichtungen, denen er in seinen Rezensionen weitaus mehr Raum widmete als jenen, die sich früh ihren Platz in der Literaturgeschichte sichern wollten. Nun war Goethe zu unserem Glück nie wirklich und zu jeder Zeit konsequent. Er hegte antijüdische Vorurteile und war doch gleichzeitig mit Juden befreundet (ähnlich wie später Theodor Fontane). Er pries die Individualität der Deutschen (»Deutsche gehen nicht zu Grunde, wie die Juden, weil es lauter Individuen sind«) und beschwerte sich dann wieder über die deutschen Intellektuellen, die Zusammenschlüsse und gemeinsame geistige Tätigkeit ablehnten, und fand, das Individuum müsse auch »resignieren« können, d. h. zugunsten einesgemeinsamen Zieles seine partikularen Interessen zurückstellen. Er hegte einen lebenslangen Abscheu gegenüber den Berlinern, doch ein Berliner war sein Altersfreund und Briefpartner: Carl Friedrich Zelter. Und nur Zelter durfte in Goethes Gegenwart seine Brille aufbehalten, denn zu Goethes Marotten gehörte seine Antipathie gegen Brillenträger (er selber bediente sich im Alter des Lorgnons), und es ärgerte ihn, wenn solche Leute sein Gedicht gegen das Brillentragen nicht gelesen hatten. Was er den Deutschen besonders übelnahm, war ihr vieles Rauchen, weswegen er sie als »Schmauchlümmel« schmähte. Selbst Herzog Carl August, dem die Pfeife nie ausging, mußte sie beim Besuch seines Ministers und Freundes dem Diener überlassen, und Karl Ludwig von Knebel, der »Urfreund«, durfte es als ein besonderes Privileg ansehen, als einziger in Goethes Garten rauchen zu dürfen. Doch 1818 lernte Goethe während seines Kuraufenthalts in Karlsbad den österreichischen Grafen Johann Baptist Paar kennen, mit dem sich Goethe innig befreundete, mit ihm Gespräche über den »West-östlichen Divan« führte, mineralogische Exkursionen und ausgedehnte Spaziergänge unternahm. Zum Erstaunen aller sah man, daß Goethe dem Grafen gestattete, in seiner Gegenwart zu rauchen, ja er schickte ihm nach seiner Rückkehr aus Weimar eine schöne Meerschaumpfeife »zur Erinnerung in nachdenklichen rauchumwölkten Stunden«. Soviel Nachsicht hätte es gegenüber einem deutschen Raucher nicht gegeben. Ein bißchen mehr Gelassenheit hätte wohl beiden Seiten gutgetan. Indes: »Die Deutschen der neueren Zeit haben nichts anders für Denk- und Preßfreiheit gehalten, als daß sie sich einander öffentlich mißachten dürfen.«